Wilhelmshaven -

Herr Tonne, warum haben Lehrer ein so schlechtes Image und was können Sie tun, um das zu ändern?

Grant Hendrik TonneIch glaube, dass das Image gar nicht so schlecht ist. Uns allen fallen doch spontan die eigenen Lehrerinnen und Lehrer ein, an die wir uns gerne erinnern. Ganz bestimmt hat aber auch die Pandemie den Beruf des Lehrers bei sehr vielen in ein ganz anderes Licht gestellt. Das Kultusministerium kann nur schwer auf eine Imageverbesserung hinwirken. Wir können aber die Rahmenbedingungen so gestalten, dass in der Schule gute Arbeit geleistet werden kann.

In einer Grundschule in Jever mussten im vergangenen Jahr eine Woche lang Schüler zu Hause bleiben, weil zu wenig Lehrer da waren. Was tun Sie, damit so etwas in Zukunft nicht mehr vorkommt?

Tonne Die Basis für guten Unterricht ist eine gute Ausstattung der Schulen mit Lehrkräften. Daran arbeiten wir stetig, und es ist uns in zurückliegenden Schuljahren immer gelungen, zusätzlich Stellen einzurichten und mehr Lehrkräfte einzustellen als ausgeschieden sind. Erfreulicherweise hat sich die Anzahl der Bewerbungen mit dem Lehramt gerade an Grundschulen mehr als stabilisiert, sodass inzwischen wieder mehr als 90 Prozent der ausgeschriebenen Stellen besetzt werden können.

Schulen im ländlichen Raum haben es besonders schwer, Lehrer zu finden. Was müssen diese Kommunen tun, um attraktiv für Lehrkräfte von außerhalb zu sein?

TonneUm Lehrkräfte für ländliche Regionen zu gewinnen, bedarf es gemeinsamer Anstrengungen seitens des Landes und auch der jeweiligen Schule. Auch die Schulträger, die Landkreise und die Kommunen sind gefragt. Wenn eine Gemeinde mit Blick auf die Wohnungssituation, auf die Arbeitsmöglichkeiten für Partnerinnen und Partner, bei der Kinderbetreuung, der Anbindung an den ÖPNV, auf die digitale Versorgung und im Bereich des kulturellen und freizeitgestalterischen Angebots attraktiv ist, wirkt sich das auch auf die Gewinnung von Lehrkräften positiv aus.

Natürlich hängt es auch von der Attraktivität der einzelnen Schule ab, ob Lehrkräfte es spannend finden, dort zu unterrichten. Es gibt viele Faktoren, die die Schule gemeinsam mit ihrem Schulträger oder mit dem Land beeinflussen kann. Das beginnt bei einer zukunftsorientierten Schulentwicklungsplanung mit attraktiven Schulformen und ausreichender Schulgröße und setzt sich fort mit Aspekten aus den Bereichen Digitalisierung und Netzanbindung der Schule, Angebote im Schulleben, Schulentwicklung und Unterrichtsqualität bis hin zu Aufstiegsmöglichkeiten für eine Lehrkraft.

Warum verdienen Grundschullehrer in Niedersachsen immer noch weniger als Gymnasiallehrer (für Berufseinsteiger sind es 500 Euro Unterschied)?

TonneDie Landesregierung ist bemüht, kontinuierlich die Rahmenbedingungen des schulischen Alltags zu verbessern. Als Zeichen der Wertschätzung wurde von der Landesregierung bereits die Besoldung der Rektorinnen und Rektoren kleiner Grundschulen zum 1. August 2018 auf die Besoldungsgruppe A 13 angehoben. Seit dem Sommer 2020 erhalten alle Lehrkräfte der Besoldungsgruppe A 12 – also alle Lehrkräfte dieser Besoldungsgruppe im Grund-, Haupt- und Realschulbereich – eine Zulage von rund 100 Euro. Natürlich wollen wir auch weitere Schritte gehen.

Lehrer wünschen sich weniger Unterrichtsstunden, kleinere Klassen und eine Teamlösung für die Klassenleitung, um sich besser um ihre Schüler kümmern zu können. Wie realistisch ist das?

TonneTeamlösungen für Klassenleitungen sind bereits jetzt im Sekundarbereich I möglich. Die Schulen erhalten neben den Stunden für den Pflichtunterricht und die festgelegten Zusatzbedarfe zum Beispiel für die Ganztagsangebote sogenannte Poolstunden, die sie für solche Teamlösungen verwenden können.

Aufgrund begrenzter personeller Ressourcen können leider nicht immer alle wünschenswerten Ideen sofort realisiert werden. Hier kommen wir nur Schritt für Schritt weiter.

Es gibt schon jetzt Personalnot. Vor Kurzem haben Sie einen Rechtsanspruch auf Ganztagsschule mit beschlossen. Wer soll dort arbeiten?

TonneDie durch ein Bundesgesetz beschlossene Einführung des Rechtsanspruchs wird seitens des Landes als bildungs- und familienpolitische Maßnahme ausdrücklich begrüßt. Niedersachsen hat als Ganztagsschulland sehr gute Voraussetzungen, denn es werden bereits jetzt knapp 66 Prozent aller Grundschulen als offene, teil- oder vollgebundene Ganztagsschule geführt. Dennoch wird die Umsetzung im Hinblick auf die personellen, finanziellen und investiven Aspekte eine große Herausforderung.

Die Ganztagsschule ist geprägt von Multiprofessionalität – es sind nicht nur Lehrkräfte, sondern auch sozialpädagogische Fachkräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie das Personal der zahlreichen Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartner, die einen wichtigen Beitrag leisten und dafür sorgen, dass die Ausgestaltung der Ganztagsschule so vielfältig ist. Dies wird auch bei den Planungen zur Umsetzung des Rechtsanspruchs zu berücksichtigen sein.

Der Anspruch an Lehrer hat sich in den vergangenen Jahren enorm verändert. Es geht nicht mehr um reine Wissensvermittlung, sondern zusätzlich um Inklusion, Digitalisierung und Ganztagsschule. Wie muss sich die Lehrerausbildung verändern, um die angehenden Lehrkräfte auf diese Aufgabe vorzubereiten?

Tonne Beide Phasen der Lehramtsausbildung – das Studium und der Vorbereitungsdienst – erfolgen kompetenzorientiert. Das heißt, beide Phasen sind seit 2010 nicht mehr auf Wissensvermittlung sondern auf inhalts- und prozessbezogene Kompetenzen ausgerichtet. Die dafür maßgeblichen bildungswissenschaftlichen, fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Standards beziehen sich unter anderem auf die digitale Welt, auf Medienbildung, auf inklusive Schule und mehr.

Lehramtsstudierende absolvieren zudem im Studium mehrere Praktika, die an inklusiven Schulen und insbesondere beim Lehramt an Grundschulen an Ganztagsschulen stattfinden. Die Kompetenzen, die Lehramtsstudierende im Studium erworben haben, werden im Vorbereitungsdienst im Hinblick auf schul- und unterrichtspraktische Anforderungen der inklusiven Schulen vertieft.

Digitale Bildung nimmt an Schulen einen zunehmend größeren Raum ein. Das gilt auch für die Praktikumsschulen der Lehramtsstudierenden und die Ausbildungsschulen der Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst.

Gibt es überhaupt genügend Studienplätze für Lehramtsstudenten?

TonneIn Niedersachsen gibt es in der Summe ausreichend Studienplätze. Leider werden die vorhandenen Kapazitäten insbesondere in den MINT-Fächern nicht in Gänze ausgenutzt. Zudem ist die Verteilung der Studierenden auf die unterschiedlichen Studiengänge nicht bedarfsgerecht. Es gibt inzwischen erfreulicherweise ausreichend Absolventinnen und Absolventen mit dem Lehramt an Grundschulen, aber auch mehr Lehramtsstudierende für das Lehramt an Gymnasien als nach Bedarfsermittlung benötigt werden. Zugleich fehlen insbesondere für die Lehrämter an Haupt- und Realschulen sowie im Bereich Sonderpädagogik Studierende und entsprechende Bewerbungen. Ziel ist es, das Studienanwahlverhalten zu beeinflussen und so eine angemessene, aber auch notwendige Anzahl an Studierenden zu bekommen.

(Anmerkung der Redaktion: Zu diesem Zweck wurde auch die Kampagne „Lehrer werden“ ins Leben gerufen, die auf der Website des Kultusministeriums zu finden ist. Künftige Studenten sollen so besser über die verschiedenen Lehramtsvarianten aufgeklärt werden.)

Kristin Hilbinger
Kristin Hilbinger Lokalredaktion, Jeversches Wochenblatt