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Lager in Wilhelmshaven und Friesland Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter wurden auf Todesmärsche geschicktKriegsgefangene und Zwangsarbeiter wurden auf Todesmärsche geschickt

Wilhelmshaven - Die Brutalität des Nazi-Regimes unter Hitler zeigte sich nicht nur in seinen Angriffskriegen, sondern auch in seinem Rassismus, seiner Judenfeindschaft und in der niederträchtigen Behandlung vieler Kriegsgefangener und wie Sklaven eingefangener Zwangsarbeiter aus den eroberten Gebieten, vor allem aus der besonders lang besetzten Ukraine.

Häftlinglager gab es in der ganzen Region

Die ganze Brutalität spielte sich vor den Augen der Bevölkerung ab, beginnend mit dem Judenpogromen schon vor dem Krieg, der Verfolgung politisch Andersdenkender, der Gleichschaltung der ganzen Gesellschaft unter dem Führerprinzip bis hin zu den unzähligen Lagern für Häftlinge und Gefangene und die von dort rekrutierten Arbeitskommandos, die zusammen mit der Reservearmee der deutschen Frauen die Kriegswirtschaft am Leben erhalten mussten.

Auch in Wilhelmshaven und Friesland gab es etliche Lager, wie der Historiker Holger Frerichs vom Schlossmuseum Jever bzw. der Dokumentationsstätte für jüdisches Leben, dem Gröschlerhaus in Jever, und der ehemalige Leiter des Stadtarchivs Wilhelmshaven, Ulrich Räcker-Wellnitz, mit den in den Archiven noch auffindbaren Dokumenten belegt und dem allgemeinen Vergessenwerden entrissen haben. Die mittlerweile verstorbene Kriegsgeneration hatte, in Gänze gesehen, in den Nachkriegsjahrzehnten nicht mehr erinnert werden wollen.

Kurz vor Kriegsende wurden zahlreiche Gefangene deportiert

Kurz vor Kriegsende bemühte sich das Regime, noch möglichst viele Gefangene in die noch nicht von den Alliierten eroberten Gebiete in Schleswig-Holstein und Dänemark zu „evakuieren“. Welche Motive die deutschen Befehlshaber im Chaos des bevorstehenden „Endsiegs“ der Alliierten mit den brutal durchgeführten Verschiebungen, bei denen Tausende Gefangene und KZ-Häftlinge starben, bezweckten, ist den Historikern in der Rückschau nicht klar. Zu widersprüchlich sind die Aussagen der Tatbeteiligten. Ob man mit den Gefangenen ein Faustpfand in der Hand behalten wollte, Verbrechen kaschieren oder einfach noch so viele wie möglich umbringen wollte – es bleibt derzeit noch bei Vermutungen.

Als Wilhelmshaven von Polen, Kanadiern und Briten am 6. Mai übernommen wurde, lebten offensichtlich noch tausende russische Kriegsgefangene in der Stadt. Das berichtete jedenfalls Antony Grudzinski, der als polnischer Oberst den Einmarsch der alliierten Truppen in Wilhelmshaven befehligte, 1957 der polnischen Wochenschrift „Tygodnik Powszechny“. Es waren demnach längst nicht alle Kriegsgefangenen deportiert worden.


Ab 1941 gab es in Wilhelmshaven, Bockhorn und Sande die erste Lager

Bereits in der ersten Augusthälfte 1941 waren, wie Frerichs berichtet, Arbeitskommandos in Wilhelmshaven (Schwarzer Weg), Bockhorn (Kreyenbrok) und Sande (Lager Mühle) eingerichtet worden. Frerichs: „Ab Frühjahr 1942 kamen die Überlebenden des Sterbens in den Stalags (Stammlagern, die Red.) und die im Operationsgebiet neu in deutsche Gefangenschaft geratenen sowjetischen Kriegsgefangenen in weitere Arbeitskommandos im Gebiet Wilhelmshaven-Friesland: Mariensiel, Wiesenhof, Bredehorn und Zetel in der Gemeinde Friesische Wehde, Hohenkirchen, Altebrücke und Hooksiel in den Gemeinden Wangerland und Minsen, weitere Kommandos im südlichen Kreis Friesland in Bockhorn, Astederfeld, Varel und Neuenburg-Astede.“

Anfangs gab es in der KZ-Außenstelle über 1000 männliche Häftlinge

„Ab 1943“, so Frerichs weiter, „gab es daneben von der Kriegsmarine, dem Ersatzheer und der Luftwaffe in eigener Regie eingerichtete Arbeitskommandos sowjetischer Gefangener bei verschiedenen Batterien der Marine-Flak (Wilhelmshavener Luftverteidigung), bei der Marine-Baubereitschaft, beim Marine-Festungs-Bau-Pionier-Bataillon in Sande, auf der Insel Wangerooge, beim Landesbau-Bataillon in Jever und beim Ersatzheer in Wilhelmshaven sowie für die Luftwaffe auf dem Fliegerhorst Bockhorn-Friedrichsfeld in der Nähe von Varel.“

Im September 1944 wurde das zivile Zwangsarbeiterlager am Alten Banter Weg zu einer Außenstelle des KZ Neuengamme umfunktioniert. Es wurde mit Stacheldraht umzäunt und mit Wachtürmen umgeben. Frerichs: „Die anfänglich über 1000 männlichen Häftlinge, die im Stammlager Neuengamme ausgewählt worden waren, mussten Schwerstarbeit für die Kriegsmarinewerft sowie Aufräumungsarbeiten verrichten. Ohne Ruhetag mussten sie zwölf Stunden täglich bei unzureichender Ernährung und ständigen Schlägen und Schikanen arbeiten.“

Die Zahl der Toten war hoch

Frerichs weiter: „Die Todesrate stieg rasch an. Bereits wenige Wochen nach Ankunft der ersten Häftlinge wurde die Stadtverwaltung von der Kriegsmarine aufgefordert, auf dem städtischen Friedhof Aldenburg weitere Beerdigungsflächen zur Verfügung zu stellen. Die Bewachung wurde in den ersten zwei Monaten von französischen SS-Männern übernommen, die von etwa 200 Marineartilleristen abgelöst wurden.

In der kurzen Zeit des Bestehens des Außenkommandos – vom 17. September 1944 bis Anfang April 1945 – durchliefen insgesamt bis zu 2000 Personen, darunter viele Franzosen, Russen und ungarische Juden, das Lager. Im Totenbuch des KZ Neuengamme für das Außenlager Wilhelmshaven wurden 234 Tote registriert. Die tatsächliche Zahl der Toten ist wahrscheinlich aber größer gewesen.“

Kurz vor Kriegsende wurde das Lager geräumt. Frerichs berichtet: „Am 3. April 1945 wurden in Wilhelmshaven zunächst rund 400 kranke und nicht mehr marschfähige KZ-Häftlinge in Bahnwaggons verladen und abtransportiert. Der Zug erreichte am 7. April den Lüneburger Bahnhof, wo er bei einem Bombenangriff der Alliierten auf die Stadt mit getroffen und mindestens 256 Häftlinge getötet wurden. Die unverletzten Überlebenden wurden weiter ins völlig überfüllte KZ-Auffanglager Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide transportiert, wo viele von ihnen umkamen.

80 Häftlinge aus Wilhelmshaven wurden erschossen

Bis zu 80 verletzte Häftlinge blieben in Lüneburg, wo sie am 11. April 1945 von ihren Bewachern auf Befehl des dänischen Transportführers, SS-Mann Jepsen, erschossen wurden. Ihre Leichen wurden am nächsten Tag im Wald verscharrt. In Lüneburg erinnert heute ein Mahnmal an diese Gräueltat.

Am Donnerstag, den 5. April 1945, verließen weitere rund 600 KZ-Häftlinge das Außenlager in Wilhelmshaven, teils zu Fuß, teils per Bahn. Ziel war diesmal das Auffanglager Sandbostel bei Bremervörde . . .

Die erschöpften und ausgezehrten Häftlinge wurden in diesem geräumten und gesicherten Lagerteil weitgehend sich selbst überlassen. Nach einer Hungerrevolte im Lager wurde ein Teil der KZ-Häftlinge weitergetrieben und gelangte über Stade auf den auf der Elbe ankernden Kohlenfrachter „Olga Siemers“.

Die „Olga Siemers“ brachte sie durch den Nord-Ostsee-Kanal nach Kiel und von dort über die Ostsee bis nach Flensburg. Hier wurden sie an Bord des Schleppers „Rheinfels“ verbracht, wo die Überlebenden am 10. Mai 1945 von britischen Truppen befreit werden konnten.“

1995 wurde eine Gedenkstätte eingeweiht

Der historische Arbeitskreis des DGB Wilhelmshaven setzte sich Anfang der 1980er-Jahre für eine Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Außenlagers ein. Sie wurde am 18. April 1995 vom Oberbürgermeister der Stadt eingeweiht. Neben freigelegten Grundmauern und Grundrissen befinden sich dort Schautafeln über das Außenlager und ein Gedenkstein.

Der Arbeitskreis veröffentlichte auch eine Dokumentation zum KZ-Außenlager. Auf dem Friedhof Aldenburg sind die Toten des Außenlagers Wilhelmshaven bestattet. 1947 wurde ein Mahnmal errichtet, das an die NS-Opfer erinnert. Große Grabplatten tragen die Namen von dort bestatteten KZ-Häftlingen. In einer Dauerausstellung des Küstenmuseums Wilhelmshaven wird auch die Geschichte des Außenlagers Banter Weg dokumentiert.

Das deutsche Reich versklavte mehrere Millionen Menschen

Laut Günter Heuzeroth („Die im Dreck lebten“, Band IV/4) versklavte das Großdeutsche Reich 1944 fast zwei Millionen Kriegsgefangene und annähernd sechs Millionen Zivilarbeiter, insgesamt 7,9 Millionen Menschen aus 15 Nationen, darunter über 2,8 Millionen Menschen aus der Sowjetunion, 1,7 Millionen aus Polen und 1,25 Millionen aus Frankreich.

In Wilhelmshaven waren im Jahr 1944 fast 18 000 Ausländer registriert – staatliche Stellen hatten schon die Deportation im Sinn. Am Ort in Wilhelmshaven kamen laut Ulrich Räcker-Wellnitz („Das Lager ist wichtiger als der Lohn“) mit Bezug auf städtische Unterlagen mindestens 600 Zwangsarbeiter ums Leben, darunter allein 243 sowjetische.

Die Gesamtzahl für Friesland ist aus der Literatur nicht ersichtlich. Heuzeroth nennt für den Verwaltungsbezirk Oldenburg 15 523 Opfer, über die es gesicherte Erkenntnisse gibt, schätzt die tatsächliche Gesamtzahl aber auf über 40 000 Opfer.

Untergang der „Cap Arcona“ setzt traurigen Schlusspunkt

Nicht mit eingerechnet sind die vielen Toten, die auf dem Weg in die Gefangenschaft oder in andere Lager verstarben. Grausamer Schlusspunkt war der Untergang der „Cap Arcona“ mit 7000 Kriegsgefangenen und KZ-Insassen in der Lübecker Bucht, darunter auch Gefangene, die aus Wilhelmshaven dorthin deportiert worden waren.

Das Schifft wurde von britischen Bombern unter heute noch nicht geklärten Umständen versenkt. Man hielt es möglicherweise für einen Truppentransporter – was von deutscher Seite aus beabsichtigt gewesen sein könnte.

Hartmut Siefken
Hartmut Siefken Lokalredaktion, Wilhelmshavener Zeitung
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