Wilhelmshaven - Wilhelmshaven - Gleich zu Beginn dieses Jahres, in dem das 100-jährige Bestehen der Kunstfreunde Wilhelmshaven gefeiert wird, verwirklicht die Kunsthalle ein ehrgeiziges Projekt. Mit der Ausstellung Zwischen Kaiseranspruch und Secession: Der Verein, die Stadt und die Kunstsammlung, die am morgigen Sonntag um 11.30 Uhr eröffnet wird, führt sie drei Aspekte der kulturellen Aufrüstung der Jadestädte im Jahre 1912 zusammen.
Die Ausstellung dokumentiert den Willen der Bürger in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg, angespornt vom Chef der Marinestation, Friedrich Graf Baudussin, die beiden Städte etwas schmackhafter zu gestalten - so die Formulierung, mit der die Gründung des Vereins der Kunstfreunde theoretisch unterfüttert wurde.
Sie dokumentiert somit auch die bis in die heutige Zeit gültige Maxime, dass Kultur zum Selbstwertgefühl einer städtischen Gesellschaft beiträgt; und sie lässt die Bürger dieses Gemeinwesens 100 Jahre nach der Gründung des Vereins schauen, von welchem Kriterium sich die Verantwortlichen beim Aufbau einer eigenen Sammlung leiten ließen. Es war nicht der auf das Repräsentative gerichtete Geschmack des Kaisers, es war nicht die akademische Malerei, die Berücksichtigung fand, sondern die Gegenwartskunst.
Das Gerüst der städtischen Kunstsammlung bildeten Arbeiten jener Maler, die faktisch vor der Haustür die nordischen Landschaften als Motive für die Kunst um die Wende des 19./20. Jahrhunderts entdeckten: Otto Modersohn (1865 - 1943), der die manchmal bedrückende Atmosphäre des Teufelsmoors nordöstlich von Bremen einfing; und Johann Siehl-Freystett (1868 - 1919), von dem in der Ausstellung viele Landschaftsbilder aus der städtischen Sammlung vertreten sind und auf denen das Herbe bzw. die Weite der friesischen Landschaft zu sehen ist. Und jene an die französischen Impressionisten erinnernden Bilder von Paul Baum (1859 bis 1932), deren extreme Farbkontraste in das Auge des Betrachters stechen.
Auch von Walter Leistikow (1865 - 1908), einem maßgeblichen Vertreter der Berliner Secession, der immerhin 65 Maler angehörten, befand sich in der städtischen Sammlung ein Bild mit dem Titel Märkische Landschaft. Es ist verschollen.
Dr. Viola Weigel, die Geschäftsführerin der Kunstfreunde und zugleich Leiterin der Kunsthalle, hat jedem dieser vier Maler in der aktuellen Ausstellung einen genau definierten Bereich zuwiesen, hat unter dem thematischen Gesichtspunkt der Landschaftsmalerei Bilder aus der städtischen Kunstsammlung durch etwa 25 Leihgaben ergänzt, so dass sich der Betrachter einen besseren Überblick über das jeweilige Schaffen der einzelnen Künstler machen kann.
Eine Ausstellung mit Landschaftsmalerei, die einem Paradigmenwechsel gleichkomme, sagt Dr. Weigel. Es sei eben nicht mehr die liebliche Landschaft des Südens, die die Motive der Maler bestimme - man denke nur an das Bild von Tischbein Goethe in der Campagna -, sondern die etwas herbere nordisch-norddeutsche - ob Holland wie bei Paul Baum, Friesland wie bei Johann- Georg Siehl-Freystett oder die märkische Landschaft, die Walter Leistikow eingefangen hat.
Das Schlagwort von den Dolmetscher(n) des Spröden, das Dr. Weigel für die in der Ausstellung gezeigten Stimmungsbilder benutzt, trifft ganz besonders auf die Landschaftsbilder von Siehl-Freystett zu, während das einzige Bild von Walter Leistikow, das in der Ausstellung gezeigt wird, der Grunewaldsee oder Schlachtensee, das vom Bröhan Museum für Jugendstil ausgeliehen wurde, mit seinen Spiegelungen eher unberührte aber gleichwohl großartige Idylle verkörpert.
Mehr lesen Sie in der Wochenendausgabe der Wilhelmshavener Zeitung.
