Wilhelmshaven - Es ist eine alte Binsenweisheit, dass Krisen auch Gutes oder wenigstens Spannendes hervorbringen. Hier beim Improvisationstheater „Wie ihr wollt!“ der Landesbühne erlebt man es eine knappe Stunde lang hautnah. Unter besonderen Bedingungen.
Dass hier alles ganz anders läuft als sonst, wird einem schon klar, wenn man beim Einlass neben dem Theatergebäude behelfsmaskiert in der Schlange harrt und gespannt wie ein Kind gegen die Abendsonne blinzelt. Da schwappt einem bald ein nostalgischer Schulhofcharme entgegen, der einen irgendwie sanft betäubt. Man schlängelt sich entlang den Klebebandlinien durch den Innenhof und setzt sich abstandsregelkonform auf seinen Platz. Ein kleines Reich für einen Zuschauer. Bein- und Gedankenfreiheit inklusive. Spätestens da erscheint einem das alles selbstverständlich, als wäre es nie anders gewesen.
Hier bekriegen sich in der kommenden Stunde zwei Schauspielergruppen, die „Sharks“ und die „Dragons“, angeheizt von den Stichworteinwürfen des Publikums und des Moderators in blauem Sakko und gelben Schuhen. „5, 4, 3, 2, 1! Los!“
Und herrlich, wie die Krise jenseits des Hofes einmal ins Unerkennbare verblasst. Diese komplizierte Welt dort hinter der Absperrung. Die Ansteckungsrate. Die Wirtschaftskrise. Hier haben ganz andere Geschichten Relevanz: Der strickende Wall-Street-Löwe, der zur Selbstverbesserung an den Nordpol reist. Die „im Betriebshof meines Kellers“ entwickelte Waschmaschine, die auch Geschirr spült. Oder die Schwergewichtsweltmeisterin im Extrem-Boßeln, die im Sportinterview ein lettisches Sonett lallt.
Selbst wenn die Improvisierenden auf, vor und hinter der Bühne mit Gesichtsschild-Montur hopsen. Man vergisst auch das bald. Als wäre es nie anders gewesen. Als gehöre es dazu.
Die Theaterkenner kennen den „Deus ex machina“, den unerwarteten Helfer in einer Notlage. Hier über der Theaterhofkulisse schnaubt er in Gestalt eines Helikopters vorüber, wie ihn sich kein Regisseur hätte besser ausdenken können. Dabei wird auf der Bühne gerade die heikle Aufgabe gelöst, ein Telefongespräch mit „Mutti“ zu führen – „nein, ich habe nicht gesagt, du bist bescheuert“ –, bis das Grölen in die unsichtbare Sprechmuschel alle im Hof erleichtert: „Du, Mutti, ich hör dich schlecht, ich glaub‘ da kommt ein Hubschrauber.“ 5, 4, 3, 2, 1! Nächstes Spiel.
Seien Sie gewarnt, beim nächsten Mal wird alles ganz anders geraten. Der Hubschrauber wird ausbleiben – obwohl, wer weiß das schon –, die Hochdruck-Katzendusche und das Aquarium-Tieftauchen wechseln gegen neue Ideen des Publikums.
Wer am Ende gewann, hat man beim Verlassen des Hofes schon vergessen. Aber das ist auch gar nicht wichtig.
Viel wichtiger sind da die nächsten Termine des Improvisationstheaters: Donnerstag und Freitag, 18. und 19. Juni, sowohl um 19 als auch um 20.30 Uhr.
