WILHELMSHAVEN - Ein berühmte Parabel auf eine untergehende bürgerliche Gesellschaft: Anton Tschechows Klassiker 'Der Kirschgarten' feiert morgen, Sonnabend, im Stadttheater Premiere. Für die Landesbühne inszeniert Oberspielleiter Sascha Bunge das Drama und hat seine besondere Freude an dem Werk: 'Es ist eines meiner Lieblingsstücke.'
Zeitlich ist 'Der Kirschgarten' in Russland um 1900 angesiedelt. Der idyllische Garten, der der Gutsfamilie einst großen Reichtum bescherte, steht in voller Blüte, doch die Bäume sind krank, das Landgut zerfällt und das Kapital ist aufgebraucht. Die Pleitegeier umkreisen längst das Gut, während sich die aus Paris zurückgekehrte Gutsherrin Ljubow Andrejewna Ranjewskaja und ihre Familie noch zieren, die Besitztümer und insbesondere den geliebten Garten zu verkaufen. Zu sehr hängen sie an allem, was sie mit ihnen verbindet: Den Erinnerungen und den Menschen, deren Leben und Schicksale mit dem Kirschgarten verwoben sind.
'In Tschechows Werk geht es um die Auflösung von Altvertrautem, von sich verändernden Lebensbedingungen und Lebensverhältnissen', sagte Sascha Bunge im Pressegespräch. Die Lebedame Ranjewskaja, ihre Töchter Anja (gespielt von Caroline Wybranietz) und Warja (Anna Geswesky) und ihr Bruder Leonid (Thomas Marx) merken nicht, dass ihr Leben nur noch eine illusionistische Fassade ist. 'Es geht um Menschen, die verdrängen, was nicht zu verdrängen ist', beschrieb Bunge die gesellschaftliche Stimmung vor der ersten Russischen Revolution 1905. Den 'Kirschgarten' empfindet der Regisseur als 'unglaublich aktuell, weil wir in diesem Stück soziale Kämpfe und Veränderungen sehen, die in ähnlicher Weise auch heute stattfinden: Den Verlust des Bürgertums, gewohnter Gebräuche und des Raumes. Und wir erleben, dass es viele Funktionsträger gibt, die Veränderungen nicht wahrnehmen.' So kann auch Ljubow Ranjewskaja ihre Zeit nicht richtig einschätzen. 'Die Trennung von der Leibeigenschaft ist noch nicht lange her und die ehemaligen Menschenbesitzer sind noch nicht so weit, mit Menschen umzugehen, die nun frei sind.' Zugleich finde eine permanente Veränderung des Raumes statt, auch heute: 'Wir nehmen jetzt zum Beispiel wahr, dass immer mehr Raum privatisiert wird, der bislang öffentlich war.'
Diese Ebene hat auch die Arbeit am Bühnenbild beeinflusst: 'Landschaften werden für ewig gültig gehalten, obwohl wir wissen, dass dem nicht so ist', sagte die Bühnen- und Kostümbildnerin Constanze Fischbeck. Sie hat eine Kulisse geschaffen, die sich im Laufe der sich über vier Monate erstreckenden Handlung immer weiter transformiert. 'Die Familie wird physisch aus dem Raum gedrängt und mit ihr werden auch alle anderen aus diesem Raum vertrieben.' 'Es geht auch um die Ohnmacht der Figuren', sagte die Dramaturgin Kerstin Car. Tschechow hat laut Bunge 'ein Arsenal an Figuren geschaffen mit 13 unterschiedlichen Charakteren Zehn davon werden in unserer Inszenierung auf der Bühne sein. Er hat sie sehr fein ziseliert. Es sind Menschen, die aus unserer Mitte entstiegen sein könnten, mit denen sich der Zuschauer vertraut fühlt und die Handlung sowohl sehr privat als auch gesellschaftlich wahrnehmen kann.'
Aufgrund einer Verletzung wird Aida-Ira El-Eslambouly ihre Rolle als Gutsbesitzerin erst in späteren Aufführungen spielen können. Für ihren Ersatz konnte kurzfristig Heike Clauss, ehemaliges Ensemble-Mitglied der Landesbühne, gewonnen werden.
'Wir haben mehrere Wochen Erforschungsarbeit hinter uns', beschrieb Bunge die Probenarbeit. Und geriet ins Schwärmen: 'Tschechow war ein genauer Beobachter, der Situationen präzise beschreiben konnte. Sein Stück gleicht großer orchestraler Musik: Alle sind im Andante, alle sind im Allegro, Solisten treten auf und wir haben eine Vielzahl an Beziehungen.'
Für die Premiere am Sonnabend (Beginn 20 Uhr) sind noch Karten erhältlich. Das Einführungsgespräch im Oberen Foyer beginnt um 19.30 Uhr.
– Weitere Termine im Stadttheater: 5. April, 15. Mai, 3. und 7. Juni (Beginn 20 Uhr); 12. Mai (Beginn 15.30 Uhr).
– Termine im Spielgebiet: 2. April (19.30 Uhr) in Esens, Theodor-Thomas-Halle; 3. Mai (20 Uhr) in Jever, Theater am Dannhalm; 9. Mai (19.30 Uhr) in Wittmund, Aula Brandenburger Straße
