Wilhelmshaven - Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) hält sich lediglich an die vom Gesetzgeber geregelte Bedarfsplanung. Mit diesen Worten widerspricht der Vorsitzende des Bezirksausschusses, Matthias Abelmann, dem Vorwurf, eine Mitschuld an der desolaten Versorgungslage mit Kinderärzten zu haben.

Wie berichtet, gibt Dr. Ingo Rückheim seine Kinderarztpraxis zum 30. September auf. Einen Nachfolger hat er nicht gefunden, viele Kinder sind in Folge dessen nicht mehr versorgt, die Eltern verzweifelt auf der Suche nach einer Praxis. Rückheim hatte gegenüber der WZ beklagt, dass er bereits vor Jahren auf den drohenden Versorgungsengpass hingewiesen hatte – die KVN mit Verweis auf die laut Bedarfsplan rechnerische Überversorgung aber keinen neuen Sitz genehmigt habe.

Wer ist nun Schuld an der desolaten Lage? Der KVN, das macht Abelmann in seiner Pressemitteilung deutlich, seien die Hände gebunden. In der Bedarfsplanungs-Richtlinie werde ein bundeseinheitlicher Rahmen für die vertragsärztliche Versorgung definiert. Demnach entspreche ein Versorgungsgrad von 110 Prozent einer Überversorgung. Die Stadt Wilhelmshaven, die mit dem Landkreis Friesland einen Planungsbereich bildet, kommt bei einer Gesamtzahl von 12,5 Kinderärzten rechnerisch auf eine Versorgung von 133 Prozent – und ist demnach überversorgt. Das bedeute, dass weitere Niederlassungen beziehungsweise Anstellungen von Kinderärzten in diesem Planungsbereich grundsätzlich nicht möglich seien. Diese Situation gelte bereits seit Jahren, die KVN habe somit nicht auf Rückheims Warnungen reagieren können.

Auch jetzt sei die Situation auf dem Papier noch gut, so Abelmann: „Selbst wenn man den Vertragssitz von Herrn Rückheim hierbei unberücksichtigt lassen würde, ergäbe sich rechnerisch noch ein Versorgungsgrad von 122 Prozent, womit auch weiterhin eine rechnerische Überversorgung anzunehmen wäre.“ Dass der Bedarfsplan nicht den tatsächlichen Bedarf widerspiegelt, scheint klar. Ihn zu ändern ist Sache des Gesetzgebers, entsprechende Pläne gibt es bislang aber offenbar nicht.

Der Sitz von Rückheim könnte trotz rechnerischer Überversorgung wieder besetzt werden – wenn sich ein Arzt findet. „Leider hat sich auf die letzte Ausschreibung im Niedersächsischen Ärzteblatt kein Kinderarzt beworben“, so Abelmann. Die KVN werde erneut ausschreiben und gehe davon aus, dass sich noch in diesem Jahr ein Nachfolger finden werde.


Wo der herkommen soll, schreibt Abelmann nicht. Wie berichtet, hat Rückheim bereits vor einiger Zeit nach einem Kollegen für seine Praxis gesucht. Es fand sich niemand, der nach Wilhelmshaven möchte. Offenbar braucht es weitere Anreize – aber bislang gibt es niemanden, der sie schaffen möchte.

Abelmann weist darauf hin, dass Eltern bis dahin über das Internet-Portal der Arztauskunft Niedersachsen die Adresse der niedergelassenen Kinderärzte in der Region abrufen und diese entsprechend kontaktieren können. „Dabei sind grundsätzlich auch Fahrt- bzw. Wegstrecken von mehr als 30 Minuten zumutbar und im Vergleich zu anderen niedersächsischen Regionen auch nicht unüblich.“

In der Redaktion haben sich derweil zahlreiche Eltern gemeldet, die alle Kinderärzte angerufen haben – ohne Erfolg. Eine Mutter erzählt von ihrem chronisch kranken Kind, das zu Kontrolluntersuchungen muss. Lange Wegstrecken empfindet sie in dieser Situation nicht als zumutbar. Ein Vater fragt sich, wie er die Strecke ohne Auto zurücklegen soll. Und auch, wenn die Kinderärzte vor Ort bei akuten Erkrankungen aushelfen: Der eigene Arzt bleibt für viele Eltern ein wichtiger Ansprechpartner, der ohne weite Wege erreichbar sein sollte.

Wer nach dem Abtelefonieren der Praxen keinen Arzt findet, kann laut Abelmann die Terminservicestelle der KVN für gesetzlich versicherte Patienten unter Tel. 116 117 nutzen. Einen Anspruch auf einen Wunschtermin, Wunscharzt oder Wunschort gebe es nicht. Zudem sei die Anzahl der dort gemeldeten freien Termine sehr begrenzt.