Wilhelmshaven - Rot kommt er daher, der Tod in Tim Egloffs Inszenierung von Ferdinand Schmalz‘ „jedermann (stirbt)“. Rot und elegant, denn der Tod kommt nicht allein, ist er doch zugleich die Buhlschaft, ‚buhlschaft tod‘. Auch der Tod ist eine Verführung, und Schmalz‘ Neuschreibung von Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ ist prallgefüllt mit der berühmten wienerschen Koketterie mit dem Tod.

Am Samstag feierte die Landesbühnen-Inszenierung „jedermann (stirbt)“ im Stadttheater Premiere. Unter Egloffs Regie (Dramaturgie: Kerstin Car) erlebten die Zuschauer ein in Wort und Darstellung ausgewogenes Spiel, das hinsichtlich des sprachlich und inhaltlich dichten Werkes keine Selbstverständlichkeit ist. Die Versuchung, Schmalz‘ tiefsinnigem, poetischen und rhythmischen Text das Feld zu überlassen, ist groß. Egloff ist ihr nicht erlegen.

So sehr er auf feine sprachliche Akzentuierung und Intonation setzte, so wichtig erschienen ihm die Charakterbilder der Rollen und er wagte gar die Gratwanderung zwischen einer identifikationsreichen Figurenshow und leicht überzeichneten Profilen. Schwarzhumorige Pointen erhalten ebenso ihr Spielfeld wie tiefdringende Ernsthaftigkeit.

Der Titel sagt bereits alles, „jedermann (stirbt)“ ist ein Spoiler schlechthin. Alle wissen, wie es ausgehen wird – außer ‚jedermann‘ selbst, der die so offensichtlichen Vorboten des nahenden Todes nicht erkennt. Stefan Faupel spielt den reichen und rückgratlosen Geschäftsmann mit all seinen Lebens- und schließlich Leidensfacetten, vom jovial-sympathischen Gastgeber bis hin zum Sterbenden.

Neben seiner teuflisch guten Gesellschaft (Steffi Baur, Philipp Buder, Mona Georgia Müller und Nina-Mercedés Rühl), seiner Frau (Steffi Baur) und der Vetternwirtschaft (‚dicker vetter‘: Rühl, ‚dünner vetter‘: Buder) finden auch die ‚buhlschaft tod‘ (Müller) und der ‚arme nachbar gott‘ (Rühl) Zugang zum Fest in seinem „köstlichen Gärtlein, das seinesgleichen sucht“. Tatsächlich ähnelt es bereits einer Gruft (Kostüme und Bühnenbild: Nico Zielke). Nur ein sorgsam geharkter Zen-Sandgarten bringt einen Hauch Gartenkultur in die düstere Szenerie – bis er zum Schlachtfeld, zur Bahre und schließlich zum Grab mutiert.


‚jedermanns frau‘ scheint hinsichtlich ihres Gatten abgeklärt, begegnet den Ereignissen mit damenhafter, selbstbewusster Souveränität und bar jeden Anflugs von Sorge. Nur ‚jedermanns mutter‘ (Mona Georgia Müller) kämpft noch um das Seelenheil ihres Sohnes, bis hin zum Dialog mit der ‚buhlschaft tod‘ – ein ebenso sehens- wie hörenswertes Ereignis, zumal Müller beide Rollen innehat.

Mit der ‚buhlschaft‘ und der ‚gesellschaft‘ haben Tod und Teufel Einzug gehalten. Kühl und gnadenlos agiert die ‚buhlschaft tod‘, das sado-masochistische Spiel mit ‚jedermann‘ lässt für diesen jedwede Leidenschaft verfliegen; gefesselt und geknebelt ist er längst keinem Spielchen mehr, sondern dem Angesicht des Unentrinnbaren ausgesetzt. Ihm hilft der Satz „Das Leben schmeckt nach nichts ohne den Tod“ wenig.

Die ‚teuflisch gute gesellschaft steht im Wettstreit mit dem ‚armen nachbarn gott‘ um ‚jedermanns‘ Seele. Ja, Gott gibt es noch, auch wenn der Glaube längst dem Gelde gilt. ‚jedermanns‘ Umdenken enthält einen Hauch von Läuterung, doch der Egoismus behält die Oberhand. Nachdem der knallharte Geschäftsmann zuvor den ‚dünnen vetter‘ im Sandgarten windelweich prügelte, erlässt er den zahlungsunfähigen Vettern angesichts des heranschnellenden Endes ihre Schulden und bittet sie wimmernd, ihn im Tod nicht allein zu lassen.

Auch mit dem ‚armen nachbarn gott‘ agiert er versöhnlich. Als Zeugen vor dem letzten Gericht treten ‚mammon‘ und ‚gute werke‘ auf, mit entlarvenden Monologen, die die Macht des Geldes und die Verlogenheit mancher Charity-Events bloßlegen.

Temporeich ist die Inszenierung, bewegungsreich bis an die Schmerzgrenze, bestens besetzt, hoch unterhaltsam und nachhaltig wirkend.