Wilhelmshaven - „Ich schäme mich“, übersetzt die Frau die Worte der Schwangeren, die neben ihr steht. Eine Frage mehr – und die Tränen der werdenden Mutter wären geflossen. Zwei Kinder habe die 30-Jährige schon. Mit dem dritten ist sie im achten Monat schwanger. Die Frau aus dem Irak ist eine von rund 50 Leuten, die um 7.50 Uhr schon vor dem „Niels-Stensen-Haus“ in Wilhelmshaven stehen, dem Gebäude an der Schellingstraße, in dem der Caritasverband für das Dekanat Wilhelmshaven untergebracht ist. Ein schlichter, quadratischer Bau, in dem es an diesem Tag zum letzten Mal Lebensmittelgutscheine in dieser Form gibt – anlässlich der Coronakrise.
20.000 Euro hatte der noch junge Geschäftsführer Alexander Witton bei der „Aktion Mensch“ in Bonn beantragt und damit in die Stadt am Meer geholt. Zehn bis zwölf Personen, so hatte Witton vermutet, würden sicher pro Tag danach fragen. Menschen wie – nennen wir ihn Alexej – beispielsweise. Sehbehindert sei er, sagt der 34-Jährige mit der dicken Brille.
Zwar bekomme er Unterhalt vom Jobcenter. Aber für ihn, seine Frau und die drei Kinder reiche das nicht. Aufgrund seiner Sehbehinderung sei es für ihn schwer, Arbeit zu finden. 35 Euro habe er in der vergangenen Woche bereits hier von der Caritas bekommen, zeigt er sich dankbar.
Nicht als Bargeld, sondern in Form eines DIN-A 4-formatigen Gutscheins, der in Discountern von Lidl oder Aldi eingelöst werden könne. Seit sieben Uhr warte Alexej heute schon vor der Caritas im Schatten des markanten Beton-Kirchturms. Und das, obwohl die Gutscheinausgabe erst um 8.30 Uhr beginnt.
Wer ist berechtigt und wer nicht?
Fünf Euro kann er pro Kind bekommen und zehn Euro pro Erwachsenem, erklärt Witton um 8.20 Uhr kurz vor der Öffnung. Aber erst, wenn ein Bedarf nachgewiesen werde – aufgrund von Arbeitslosengeld-II-Bezug, Kurzarbeit oder geringem Einkommen. Manche warten drei Stunden für zehn Euro. Später wird Witton zwei Männer abweisen, weil sie nicht berechtigt sind.
9 Uhr: Obwohl die Mitarbeiterinnen des katholischen Verbandes die Papiere zügig im Freien annehmen, im Inneren des Gebäudes prüfen und über einen Gutschein entscheiden, wächst die Schlange am zwölften Ausgabetag bis weit auf den Bürgersteig. Die Mutter mit der Zweijährigen in der pinkfarbenen Jacke wartet ebenso geduldig wie die Frau mit dem einjährigen Jungen auf dem Arm und der Flasche im Mund. Zwei ältere Frauen sitzen auf ihrem Rollator. „Es geht ruhig zu, manchmal fast heiter“, beschreibt Caritas-Mitarbeiterin Monika Stamm, die zwischendurch auch mal laut wird, wenn sie auf dem großen, freien Platz an den Mindestabstand erinnert.
Nebenjobs sind weggebrochen
Mit allem hat Caritas-Chef Witton gerechnet, aber nicht mit einem solchen Ansturm. Vor 6.30 Uhr hätten am letzten Ausgabetag bereits die ersten zehn Personen angestanden. Warum? „Weil in Wilhelmshaven viele Menschen von Nebenjobs leben“, meint Alexander Witton, und Monika Stamm nickt zustimmend.
Und diese Jobs seien durch Corona weggebrochen. Ein zweiter Grund: Wegen des hohen Durchschnittsalters der Ehrenamtlichen sei die Wilhelmshavener Tafel – so wie viele andere im Bundesgebiet – aus Sicherheitsgründen zeitweise komplett geschlossen worden. Auch jetzt arbeite die noch im eingeschränkten Modus. Und eine dritte Ursache dafür, dass die Zahl der verteilten Lebensmittel-Gutscheine an diesem Tag auf 650 steigen wird: „In Wilhelmshaven waren auch vor der Krise schon viele Menschen arm“, weiß Monika Stamm.
Mit den Gutschriften wollten sie und ihr Verband auch zeigen: „Wir sind als Caritas da für Euch und wir denken an Euch.“ Weitere Informationen beim Caritasverband im Dekanat Wilhelmshaven, unter
