WILHELMSHAVEN - Erbsensuppe, türkische Pizza, Wurst im Brötchen. Wer die kulinarische Vielfalt genießen wollte, der hatte vorher noch die Chance, sich sportlich und gesellschaftskritisch auf einen Parcours zu begeben, der nicht so ganz einfach zu bewältigen war. Erst den Rucksack mit 20 Kilo schultern, dann eine Sonnenbrille auf die Nase, die den Durchblick erheblich erschwert, Handschuhe bei strahlendem Sonnenschein, Gewichte an Füßen und Händen und noch hier und dort ein paar Lasten. An einer Station lautet die simple Aufgabe: drei Drähte in die jeweiligen Lüsterklemmen einzufädeln. Kinderleicht. Nee, das stimmt nicht.

Der DGB-Kreisverband und weitere Gewerkschafter hatten diesen Hindernislauf aufgebaut, um einmal zu verdeutlichen, wie schwer es ist, mit 67 Jahren körperlich zu arbeiten. Für manchen mag es kinderleicht sein, aber längst nicht für alle.

Ohne den Parcours überhaupt bewältigt zu haben, forderte Klaus Lindner als Hauptredner zum Tag der Arbeit: 'Es muss Schluss sein mit der Rente mit 67 Jahren'. Lindner forderte dazu auf, 'die Würde des arbeitenden Menschen in unserer Gesellschaft mehr zu schützen'. Er nahm auch das Wort 'Klassenkampf' in den Mund, denn in 'Deutschland ist der Arbeitsmarkt gespalten' – die einen müssen immer mehr mit Altersarmut rechnen. Er warb für Mitgliedschaften in Gewerkschaften: 90 Prozent der Hafenarbeiter seien organisiert – 'ihnen geht es gut'. Hart indes gehe es im niedersächsischen Einzelhandel zu. Dort sei unter anderem der Manteltarif gekündigt worden, seien Zuschläge weg. 'Unsere Kollegen im unteren Bereich der Einkommens-Pyramide verdienen mehr Geld und unsere Solidarität', sagte Lindner und forderte die Arbeitgeber auf, den Forderungen der Gewerkschaft nach einem Euro mehr pro Stunde und dass der Manteltarif wieder in Kraft tritt, zuzustimmen.


Der Verdi-Mann hofft, dass die neue niedersächsische Landesregierung ihre im Koalitionsvertrag verankerten 'sozialen Kriterien' mit Blick auf den gespaltenen Arbeitsmarkt umsetze. Stichwort: Tariftreue. Lindner forderte einen Mindestlohn von 8,50 Euro. Zwischenruf: 'Das ist noch nicht genug.' Derweil listete Lindner auf, dass allein in Deutschland fünf Millionen Menschen unter 8,50 Euro arbeiten, eine Million sogar unter fünf Euro. 'Das kostet alle Steuerzahler pro Jahr sieben Milliarden Euro', so Lindner. Bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro könne dieser Milliardenbetrag in andere Projekte gesteckt werden.

DGB-Stadtverbandsvorsitzender Axel Opitz hatte in seiner Begrüßung 'eine faire Entlohnung' und einen gerechten Anteil der Arbeitnehmer am Wohlstand gefordert. Im Verlauf des Tages traf Wirtschaftsminister Olaf Lies nach einem Termin in Varel beim Pumpwerk ein und sprach über den Jade-Weser-Port.