Wilhelmshaven - Die schlechte Nachricht erreichte die Besatzung in Rostock. Dort liegt der 54 Jahre alte Seeschlepper „Wangerooge“ seit 22. November 2021 bei Tamsen Maritim in der Werft; es sollte die letzte große Instandsetzung sein. Für 2025 hatte die Marine das Nutzungsdauerende geplant. Nun aber wird das Schiff schon am kommenden Freitag außer Dienst gestellt, wenn das Marinekommando grünes Licht gibt. Und daran zweifelt niemand.
Kosten für Instandsetzung zu hoch
„Die steigenden Kosten für die notwendigen Instandsetzungsarbeiten an dem alten Schlepper haben sich als zu hoch herausgestellt“, sagt Fregattenkapitän Thorsten Geldmacher, der Kommandeur des Trossgeschwaders, zum dem die „Wangerooge“ gehört. „Gerade in der aktuellen sicherheitspolitischen Situation wollen wir die Zahl der Flaggenstöcke in der Marine eigentlich nicht reduzieren. Doch das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr hat wegen der hohen Kosten eine Nutzungsdauerverkürzung beantragt – und dem hat das Planungsamt der Bundeswehr zugestimmt.“ Dem Vernehmen könne man für die erwarteten Instandsetzungskosten einen marktüblichen Schlepper kaufen.
Besatzung und Ehemalige geschockt
Die rund 30-köpfige zivile Besatzung, aber auch Ehemalige, sind geschockt wegen des unerwarteten Endes. „Ich kann das nachvollziehen“, betont Geldmacher. „Gut ein Jahr hat die Besatzung mit ihrem Schiff im Arsenal auf einen Werfttermin gewartet – und nun das.“ Der Kommandeur weiß um die besondere Verbundenheit der zivilen Besatzungen mit ihren Schleppern.
Das mag an den langen Stehzeiten der Männer liegen, aber wohl ebenso am Flair an Bord: Auf der „Wangerooge“ strahlt nämlich noch alles die Gediegenheit vergangener Marinezeiten aus. Eher Gemütlichkeit statt High-Tech. Statt grauen Wänden prägt Holzmaserung die gemütliche Messe – und man sitzt auf roten Polstern. Selbst der Geruch ist anders als auf den moderneren Marineeinheiten.
Optimismus für die Zukunft
Thorsten Geldmacher jedoch schaut optimistisch nach vorn. „Der Bund hat die Absicht, noch in diesem Jahr zwei marktverfügbare, moderne Schlepper zu beschaffen. Und mein Ziel ist es, die Besatzung der ,Wangerooge‘ für einen der neuen Schlepper zusammenzuhalten. Denn deren Expertise in Sachen Ausbildungsunterstützung für die Marine gibt es nirgendwo anders.“
Gebaut wurde der 52 Meter lange Seeschlepper „Wangerooge“ damals auf der Werft Schichau Unterweser AG in Bremerhaven und 1968 in Dienst gestellt. Von November 1969 bis Juni 1970 war das Schiff schon einmal außer Dienst gestellt worden und gehörte in diesen Monaten zur Reserveflottille. Ihre Hauptaufgabe ist neben Schleppen und Bergen die Unterstützung beim „Überlebenstraining auf See“ (OSST). Hier üben Flugzeugbesatzungen unter realen Bedingungen bei Wind und Seegang den Sprung vom Heck des Schleppers ins offene Wasser und die anschließende Rettung mittels Helikopter.
Bereits bei der Marktsichtung seien erfahrene Kapitäne und Schiffstechnische Offiziere der Marineschlepper in das Team von Marinekommando, Beschaffungsamt, Marinearsenal und Trossgeschwader mit eingebunden. „Wir müssen im Notfall selbst in der Lage sein, mit eigenen Schleppern eines unserer Marineschiffe abzuschleppen“, sagt Geldmacher. „Deshalb setzen wir auch auf eine zügige Verfügbarkeit.“ Sogar auf den grauen Anstrich soll verzichtet werden.
Noch offen ist das Schicksal der beiden alten Ostsee-Schlepper „Spiekeroog“ und „Fehmarn“. Deren Tage im Dienst der Deutschen Marine dürften ebenfalls gezählt sein.
