Wilhelmshaven - Juliane Ost wurde 1990 in Parchim geboren und hat Evangelische Theologie in Rostock und Berlin studiert. Ost ist seit März 2022 Pfarrerin auf Probe und mit der Verwaltung der Pfarrstelle Wilhelmshaven-Neuende beauftragt.

Sie haben mit vielen jungen Leuten ihr Vikariat, die praktische Ausbildung für Pastoren, bestanden. Hat die Kirche doch kein Nachwuchsproblem?

Juliane OstWir können natürlich immer noch mehr Pfarrer und Pfarrerinnen gebrauchen, aber es ist schön, dass vier junge Leute dieses Jahr angefangen haben.

Wie lange haben Sie studiert?

OstIch habe 2011 angefangen und bin 2018 fertig geworden. Danach habe ich zweieinhalb Jahre Vikariat gemacht. Also insgesamt an die neun bis zehn Jahre.

Dann bestand der Wunsch, Theologie zu studieren, recht früh?

OstJa, im letzten Schuljahr kurz vor dem Abitur ist mir bewusst geworden, dass ich das Thema sehr spannend finde. Ich wollte allerdings nicht direkt studieren und habe nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Baptistengemeinde in der Slowakei absolviert. In einem dreiwöchigen Praktikum in meiner Nachbargemeinde habe ich mir außerdem angeschaut, wie das alles so läuft.

Woher stammt dieser Wunsch, Pfarrerin zu werden? Hat jemand in ihrer Familie den Beruf ausgeübt?

OstIch bin kirchlich erzogen worden und natürlich getauft und konfirmiert. Aber den Beruf ausgeübt hat bei mir keiner in der Familie. Durch die ganzen Kirchenfreizeiten im Sommer in meiner Jugendzeit hat sich Kirche bei mir positiv verankert. Ich bin auf dem Dorf groß geworden und da ging halt nicht viel, deshalb habe ich mich jedes Jahr gefreut, wenn der Freizeit-Planer rauskam und ich meine Sommerferien mit Kirchenzeiten verplanen konnte. Eine große Rolle hat auch mein Religionslehrer in der Oberstufe gespielt, der war einfach richtig gut. Dadurch war Religion auch mein Lieblingsfach.

Sie sind jetzt Pfarrerin auf Probe, wie lange dauert diese Probezeit?

OstEs dauert drei Jahre, also insgesamt sind es fast dreizehn Jahre Ausbildungszeit. Ich weiß noch nicht, wie es nach der Probezeit ist, aber es fühlt sich jetzt schon wie ein normaler Pastorenberuf an. Für einiges brauche ich natürlich noch etwas mehr Zeit, weil mir einfach die Erfahrung fehlt.

Wie war der erste Gottesdienst, den Sie geleitet haben? Waren Sie sehr aufgeregt?

OstJa, total. Die ersten Gottesdienste habe ich schon während meiner Studienzeit in meiner Heimatgemeinde gehalten. Und während der Studienzeit war ich in Frankreich und wollte gerne mein Französisch wieder auffrischen. In einer Gemeinde habe ich dort ein Praktikum absolviert. Man hatte mir dort angeboten, die Urlaubsvertretung für eine Pastorin zu übernehmen. In Frankreich ist es ab dem dritten Studienjahr möglich, Gottesdienste zu leiten und das habe ich dann auch getan und so war ich drei Jahre am Stück immer für drei Wochen in Frankreich in einer Gemeinde.

Wie lange dauert die Vorbereitung auf einen Gottesdienst?

OstAlso mindestens einen kompletten Arbeitstag. Das sind da schon acht bis zehn Stunden, je nachdem wie schnell eine Predigt von der Hand geht. Mal schreibt man an einer drei bis vier Stunden, mal sieben bis acht.

Das scheint doch ein ziemlicher Zeitaufwand zu sein...

OstEs ist wirklich eine Recherchearbeit. Man schaut sich den Text unter vielen Gesichtspunkten an, stellt sich verschiedene Fragen, schaut, was andere dazu schreiben und sagen. Dann muss es noch in eine angemessene Form verpackt werden.

Was lieben Sie an ihrem Beruf?

OstIch liebe die Kasualien, also Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Das ist einfach schön, so mitten im Leben dabei zu sein. Freude und Leid ist da sehr nah beieinander.

Man stellt häufig bei Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen fest, wie schön Kirche ist. Warum kann es nicht immer so sein?

Ost Es ist natürlich ein großer Unterschied zwischen einem feierlichen Hochzeitsgottesdienst und einem normalen Sonntagsgottesdienst. Man schaut, wer anwesend ist. An einem normalen Sonntagsgottesdienst ist vor allem die ältere Generation da. Ich wurde nicht so erzogen, dass ich jeden Sonntag zum Gottesdienst gehe. Ein normaler Gottesdienst am Sonntag ist nicht mehr das Format, das jüngere Generationen anspricht. Die Zeit am Sonntag passt vielen nicht mehr, vor allem für Familien, die am Wochenende ausspannen wollen oder einfach die Zeit zusammen genießen möchten.

Welche Alternativen gibt es für die jüngere Generation?

OstIn Heppens gibt es die Abendstille, das findet immer mittwochs um 19 Uhr statt, da schauen dann auch mal junge Leute vorbei.

Wie fällt die Reaktion der Leute aus, wenn Sie auf einer Party erzählen, dass Sie Pfarrerin sind?

OstIn den meisten Fällen herrscht erst einmal Stille und betretenes Schweigen. Oft entschuldigen sich die Leute auch bei mir, dass sie nicht an Gott glauben. Dabei müssen sie das nicht, es kann jeder oder jede an das glauben, was er oder sie möchte.

Kea Ulfers
Kea Ulfers Redakteurin, Wilhelmshavener Zeitung