Wilhelmshaven - Beim Gassigehen mit dem treuen Vierbeiner sind spannende Entdeckungen nichts Ungewöhnliches. Entweder sorgen die eigene Neugier, oder die feine Nase des Hundes für so manche Überraschung. Das, was zwei Leserinnen an einem Sonntag Ende April im Villenviertel sahen, sorgte nicht nur bei ihnen für Kopfzerbrechen.
Auf der Ecke von Kirchreihe und Birkenweg lehnte ein skelettierter Pferdekopf an der Wand. Keine Replika, sondern echt tierischen Ursprungs, so viel ist auch bei Betrachtung der Bilder klar. Interessiert daran, was es mit diesem ungewöhnlichen Fund auf sich hatte, wandten sie sich an die Redaktion der „Wilhelmshavener Zeitung“. Die anschließende Suche förderte zwar keine definitive Antwort zu Tage, aber viele Möglichkeiten, die mehr Aufschluss über die Siedlungsgeschichte des heutigen Stadtteils geben könnten.
Schädel bei Bauarbeiten gefunden
Allerdings war der Kopf am nächsten Tag bereits verschwunden – wahrscheinlich wurde er bereits entsorgt, bevor die Suche nach seinem Ursprung ins Rollen geriet.
Die Frage bleibt also: Wie kam das Pferd in die Erde? Ein Blick in die Stadtgeschichte könnte mögliche Antworten liefern. War das Pferd zu Lebzeiten einem Hof auf dem heutigen Stadtgebiet zugehörig? Und wie alt könnte das Fundstück sein?
Begraben oder zufällig dort gelandet?
Auch der Leiter des Küstenmuseums, Dr. Sven-Hinrich Siemers, hat sich nach einer ersten Anfrage der Redaktion des Themas angenommen. Inzwischen wurde von ihm auch die Bodendenkmalbehörde in Oldenburg mit dem Fall vertraut gemacht, welche wiederum die Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt einschalteten. Die Stellen versuchen, mehr über den Fundort herauszufinden. Aber, so stellt Siemers fest: „Ohne das Wissen um die genaue Herkunft des Schädels bleiben alle Interpretationen spekulativ“. Unklar ist beispielsweise, ob das Tier an dieser Stelle vergraben wurde oder der Schädel durch nachfolgenden Bodenaushub dorthin gelangte.
Ähnliches an anderer Wurt entdeckt
Schlachtung als Ursache möglich
Mittelalterliche Bauopfergabe?
Sollte der Schädel aus entsprechender Tiefe im alten Deichkörper stammen, ist er wahrscheinlich die Spur einer mittelalterlichen Bauopfergabe. „Solche Tieropfer – und ein Pferd als Opfertier wäre die teuerste und damit wertvollste Opfergabe – sind auch für das Mittelalter und sogar noch für spätere Zeiten belegt. Der wohl bekannteste Hinweis stammt aus Theodor Storms Novelle ‚Der Schimmelreiter‘“, erklärt Siemers.
In der auf einer älteren Sage basierenden Erzählung wird verhindert, dass Deicharbeiter einen Hund als lebendiges Opfer in den Deich eingraben. Fortan gilt der Deich als verflucht. Archäologische Nachweise solcher Opfer sind laut Siemers schwierig und selten: „Ein als solches Opfer angesprochener Hund, genauer gesagt seine knöchernen Überreste, aus der Wurt Feddersen Wierde wären hierfür ein Beispiel. Das im Küstenmuseum ausgestellte Kinderskelett, dass unter einer häuslichen Herdstelle lag, wird dagegen nach neueren Forschungen nicht mehr als Bauopfer angesehen.“
Spannende Möglichkeit von Interpretationen
Unterm Strich biete der Fund eine „spannende Möglichkeit von Interpretationen“ und könne, falls es seitens Denkmalpflege und Landesarchäologie noch weitere Erkenntnisse gäbe, ein neues Licht auf die Besiedlung und die Glaubensvorstellungen der Vorfahren werfen. „Doch vermutlich wird man nur bei einer größeren stadtarchäologischen Grabung an dieser Stelle weiterführende Ergebnisse erwarten können“, gibt Siemers zu bedenken.
Bis dahin lohne sich der Besuch des Küstenmuseums, um den Geheimnissen unserer deich- und wurtenbauenden Vorfahren hier im Wilhelmshavener Stadtgebiet und seinen Nachbarregionen auf die Spur zu kommen.
