Wilhelmshaven - Mit „Corpus Delicti“ von Deutschlands Starautorin Juli Zeh bringt das Ensemble der Landesbühne Niedersachsen Nord am Samstag, 19. November, eine „Gesundheitsdystopie“ auf die Bühne des TheOs am Bontekai. Das Stück zeichnet eine Zukunft, „in der es vermeintlich technischen Fortschritt gibt, aber mit wenig fortschrittlichen Charakterzügen“, erklärte Dramaturgin Kerstin Car im Pressegespräch. Regie führt Marie-Sophie Dudzic, die an der Landesbühne bereits Regie in „Der Fiskus“ und „Wolkenheim“ führte. Nico Zielke zeichnet für das Kostüm- und Bühnenbild verantwortlich, wie bereits in „Jedermann (stirbt)“.
Utopie und Dystopie
Für „Corpus Delicti“ schuf sie einen aseptischen Nicht-Ort zwischen Utopie und Dystopie, in den sich die Natur hineinfrisst. Juli Zeh, Autorin und Juristin, schrieb „Corpus Delicti“ als Auftragswerk 2007. Der Roman folgte 2009 und die Bühnenfassung ist von Marie Schwesinger. Dabei sei die Personenzahl auf drei Darstellende reduziert, der Grundkonflikt dadurch konzentriert aufgezeigt worden. „Corpus Delicti“ ist mittlerweile Abiturstoff. Im Entstehungsjahr standen zwei Debatten im Raum. Die Vorratsdatenspeicherung sollte die Bürgerinnen und Bürger zum Eigenschutz gläsern machen. Sie kehrte aber die Unschuldsvermutung um. Das I-phone kam auf den Markt. Es erkennt Stimme, Schritte, Aufenthaltsorte und Schlafrhythmus der Nutzerinnen und Nutzer, bringt sie zur Selbstoptimierung. In „Corpus Delicti“ geht es genau darum, das Aufwiegen individueller Freiheitsrechte gegen das kollektive Gemeinwohl. Die Hauptperson Mia Holl (Hannah Sieh) lebt in einer gläsernen Überwachungswelt, die Gewalt, Krankheit und soziale Unruhen verhindert und für Umverteilung sorgt. Mia Holl unterstützt diese sogenannte „Methode“, so lange, bis ihr Bruder Moritz (Wiktor Grduszak) durch eine DNA-Probe des Mordes überführt wird und sich im Gefängnis selbst richtet.
Überwachungsstaat
Von da ab stellt Mia Holl alles in Frage und ändert ihr Verhalten drastisch. Sie nutzt antiquierte Dinge wie Papier, wird zur Staatsfeindin, der Sportsoll und Blutwerte egal sind, und lebt zunehmend in verschwimmenden Realitätsebenen. Ein öffentlicher Schauprozess, eine Art moderner Hexenjagd, beginnt. Lautsprecher dienen als Erinnerung und Gewissen. Die Frage, was Sicherheit und Verantwortlichkeit bedeuten, und wann individuelle Freiheit endet, war auch in der Coronapandemie nicht unerheblich. Daher, so die Regisseurin, spiele für sie „Corpus Delicti“ nicht wirklich in der Zukunft, sondern stellt die Jetzt-Zeit mit dystopischer Wende dar. Für Kerstin Car lässt sich dieses zwischen Heldinnenreise und Politthriller angesiedelte Stück auf Verhältnisse in autoritären Staaten wie Iran oder Russland beziehen. Die beiden Vorstellungen nach der Premiere sind ausverkauft.
