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„Theater am Meer“-Darsteller Rune Opitz ist im Wandel zwischen zwei Welten

Thorben Behring

Wilhelmshaven - Mehr Licht kann Rune Opitz gerade nicht einschalten. Die Bühne des „Theater am Meer“ ist schwach beleuchtet. Es ist am frühen Nachmittag, der Zuschauerraum ist leer.

Opitz tritt aus dem Hinterraum der Bühne hervor. Von dort hatte er den schweren Vorhang geöffnet. Auf der Bühne dämmert ein einfacher Teppichboden. Auf dem Tisch steht ein Familienfoto, ein Telefon. Vorne eine Minigolfbahn. Denn Herr Goetz, der Banker, in dessen Innenleben Rune Opitz in dem Stück „De Kredit“ eintauchte, spielt Golf in seiner Bank, wenn keine Kunden stören. So zwischendurch, sagt Rune Opitz.

Der Filialleiter ist ein harter Mann. Einer, der die Füße auf den Tisch legt und dabei die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Selbstsicher und stark. Das fasziniert Rune Opitz. Dann bricht die Welt des Herrn Goetz zusammen. Er verliert den Boden unter den Füßen. Das fasziniert Opitz auch. Dieses Auf und Ab der Emotionen. Herr Goetz, der verzweifelte Mann.

Das Theater hilft ihm, sich in Kinder hineinzuversetzen

Eines Tages fuhr Rune Opitz von Wilhelmshaven nach Zetel – und wurde Hausleiter der Wohngruppe „Blauhand“. Dort arbeitete er schon zuvor als Erzieher für schwer traumatisierte Kinder. Die Wohngruppe liegt abgeschieden im Ortsteil Ellens. Weites Land, Bäume und Weiden. In der Nachbarschaft ein altes Bauernhaus mit einer Scheune. Es hat immer etwas Befreiendes, dort hinaus zu fahren, sagt Opitz.

Er könne sich gut in Kinder hineinversetzen, sagt er. Das Theater habe ihm dabei geholfen. Einige der Kinder begleitet er seit längerem. „Da war einer ganz, ganz lütt. Der ist heute einen Kopf größer als ich und macht ein Praktikum.“


Jedes Kind reagiere anders auf sein Trauma. Ein Kind erstarre vor Schreck, ein anderes werde aggressiv, das nächste entzieht sich. Die traumapädagogische Arbeit führe auch ins Dunkel. Wenn die Erzieher von den Kindern erzählt bekämen, was diese so erlebt haben, bestehe für sie selbst die Gefahr, traumatisiert zuw erden. „Sekundäres Trauma. Ich weiß nicht, ob das schockierend für Sie klingt, aber man muss sich selber schützen. Wenn Feierabend ist, ist Feierabend. Einige Erzieher stellen auch zu spät fest, dass sie dass nicht schaffen.“

„Kannst du mal so tun, als wärst du sauer?“

Auch in Zetel bannt ihn die Bühne. „Kannst du mal so tun, als wärst du sauer?“, habe ein Junge der Wohngruppe ihn einmal gefragt. Dann spielte Opitz vor den Kindern den sauren Mann. Alle lachten.

Wer Opitz über das Theaterspielen befragt, dem erzählt er, es gehe ihm darum, die Zuschauer zu amüsieren. Die lachenden Gesichter, die angenehmen Gefühle. Während der 26-Jährige das erzählt, sitzt er an einem Tisch im leeren Café „Kulissensnack“ des „Theater am Meer“. Es ist nicht geöffnet. Die Espressotassen an der Bar stehen umgedreht im Regal. Opitz schaut aus dem Fenster in den Hinterhof. Der Wind weht durch die Äste, daneben ein grünlich-verwitterter Holzvorbau, der zur Hintertür in den leeren Publikumssaal hinaufführt.

Man könnte denken, die Bühne dort ist eng und klein. Ein abgegrenzter Raum begrenzter Möglichkeiten. Aber Rune Opitz sieht das anders. Er wurde Schauspieler, um in Menschen einzutauchen. Leben zu führen, die man im echten Leben nicht führen kann. Er war immer zufrieden mit sich und seiner Persönlichkeit, sagt er. „Aber hier habe ich die Möglichkeit, jemand ganz anderes zu sein.“ Ein Polizist. Ein Taxifahrer. Ein kleiner Hahn.

An einem Abend in dem Stück „Gode Geister“ band er sich Engelsflügel auf den Rücken, gekleidet in einem Blaumann mit Lederjacke und einer Glubschaugenbrille. Eine Clownsfigur. Es sei abgefahren, so etwas zu spielen, sagt Opitz. Völlig durchgeknallt.

Er sieht die Bühne und riecht das Abenteuer, die Erleichterung, die Freiheit. Er sieht die Schweißperlen auf der Stirn des Mitspielers, ein Augenzittern, hört ein Räuspern, das Rascheln eines Bonbonpapiers im Publikum, das Vibrieren eines Handys. Auch wenn es dunkel ist, sieht er die Umrisse der Zuschauer und ihre Gesichter in den ersten Reihen.

Wenn er an die Bühne denkt? Totale Sehnsucht.

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