Wilhelmshaven/Schortens - Der Lockdown hat Luis Keemanns Musikerkarriere gleich zu Beginn voll erwischt. Gerade einmal zwei Stunden hatte der damals Zwölfjährige bei seiner neuen Geigenlehrerin Katharina Sapozhnikov, als die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie vor einem Jahr dem Präsenzunterricht in der Musikschule Wilhelmshaven ein Ende machten. Doch weder Luis noch seine Lehrerin ließen sich entmutigen. Jetzt bereitet sich der junge Geiger auf die Aufnahme ins Niedersächsische Jugendsinfonieorchester (JSO) vor.
Zuerst Klavier gelernt
Seit drei Jahren spielt der Junge aus Schortens erst Geige. Als Sechsjähriger begann er, Klavier zu lernen, in der zweiten Klasse in der Schule kam die Flöte hinzu. Begeistern konnte ihn das nicht. Ihn interessierte mehr das Cello. Doch dann bekam er bei einem Besuch der Musikschule in Wittmund eine Geige in die Hand. Seine Mutter war von dieser Wahl zunächst wenig begeistert, erzählt er. An Unterstützung der Eltern für die musikalischen Aspirationen des Sohnes fehlt es aber nicht, auch wenn sie selbst nicht musizieren.
Der Wunsch, intensiver ins Geigenspiel einzusteigen, ließ den Schüler der Cäcilienschule vor einem Jahr von der Musikschule Jever in die Jadestadt wechseln. Es ging nicht nur um die Perfektionierung des Spiels, der Technik, sondern auch um die theoretischen Grundlagen. Die Lehrerin war schnell vom Talent des Jungen überzeugt. So half sie der Familie auch, eine richtig gute, alte Geige für ihn zu finden.
Eingeschränkt geprobt
Aber wie konnte sie die Motivation des Jungen immer wieder anstacheln, wenn viele Anreize wegfallen? Geplant war, dass Luis beim Konzert des Neuen Sinfonieorchesters im November im Neuen Gymnasium mit einem Violinkonzert von Haydn sein Können hören lassen sollte. Doch das Konzert musste wegen des neuerlichen Lockdowns abgesagt werden.
Proben konnten nur noch eingeschränkt stattfinden, Unterricht weitgehend nur online. Das ist gerade im Musikbereich schwierig. Die Lehrerin kann bestenfalls sehen, was der Schüler auf seinem Instrument treibt. Klangliche Feinheiten kann sie eher ahnen als hören. Sorge, dass Luis sein tägliches Übungspensum vernachlässigt, musste sich Katharina Sapozhnikov nicht machen. Obwohl er in der Schule Englisch und Kunst den Vorzug vor dem Musikunterricht gibt und in seiner Freizeit gerne malt, macht ihm das Geigespielen Spaß. Jeden Tag hat er den Bogen mindestens eine Stunde in den Hand und spielt. Als die Lehrerin ihn fragte, ob er sich vorstellen könnte, an überregionalen Wettbewerben teilzunehmen, sagte er Ja.
Begabte Schüler
Katharina Sapozhnikov hegt nicht den Ehrgeiz, Preise einzuheimsen. Sie will ihrem begabten Schüler die Möglichkeit eröffnen, junge Musiker kennenzulernen, die auf gleichem Niveau spielen. Und er soll auch erfahren, wie unvoreingenommene Fachleute ihn einschätzen.
So ist er mit der jungen Pianistin Lotta Krüger für den Wettbewerb „Jugend musiziert“ angemeldet – und muss sich auch dabei besonderen Herausforderungen durch den Lockdown stellen. Gemeinsamer Kammermusik-Unterricht online geht nicht, hat Sapozhnikov festgestellt. Lotta und Luis musizieren gemeinsam, Unterricht haben sie ausschließlich getrennt. Der Regionalwettbewerb, der am 23. Januar in Oldenburg stattfinden sollte, wurde abgesagt. Jetzt geht es gleich mit dem Landeswettbewerb los.
Für Luis heißt das, dass ihm weiterhin die Erfahrung fehlt, ein Konzert zu spielen. Auch das Lampenfieber vor dem Vorspiel für einen Wettbewerb kennt er noch nicht. Für das Niedersächsische Jugendsinfonieorchester hat er sich mit einem Video qualifiziert.
Die Bühne liegt ihm
Statt in Wolfenbüttel vor Konzertmeistern wichtiger Orchester saß er im großen Saal der Volkshochschule vor der Kamera. Neben dem Pflichtteil waren zwei Wahlstücke zu spielen, dazu musste jeder Bewerber sich vorstellen und seine Stücke ansagen. Luis machte das mit Bravour, „die Bühne liegt ihm“, sagt Katharina Sapozhnikov. Maximal zehn Minuten durfte das Video lang sein, kürzer als das übliche Vorspiel. Schneiden war verboten. Nach drei Stunden war der Film im Kasten.
Jetzt kann sich Luis schon mit den Stücken vertraut machen, die in den beiden Arbeitsphasen in den Sommer- und Herbstferien auf dem Programm stehen. Rimski-Korsakow, Tschaikowsky, im Herbst das Requiem von Brahms. Unterricht bei erfahrenen Profimusikern, gemeinsam Proben mit besonders talentierten Jugendlichen und Konzerte im ganzen Land können Luis, mit 13 Jahren einer der Jüngsten im JSO, voranbringen, sagt die Lehrerin.
Profimusiker?
Ob in Richtung auf eine spätere Laufbahn als Profimusiker oder nur bei der Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit, sei Nebensache. „Er kann nur gewinnen.“
