Wilhelmshaven - Es gibt Menschen, die sich weder als „männlich“ noch als „weiblich“ fühlen. Sie können in Deutschland seit 2018 im Geburtenregister mit der Angabe „divers“ eingetragen werden. Die Anerkennung des „dritten Geschlechts“ wurde landauf landab als Ausdruck von Humanität, Liberalität und Toleranz gefeiert. Doch was macht ein „Diverser“ (oder eine „Diverse“), wenn er oder sie im öffentlichen Raum unterwegs ist und dringend eine Toilette aufsuchen muss?

Diese Frage quälte am Mittwoch den Rat der Stadt Wilhelmshaven, der seine in der Vorwoche unterbrochene Sitzung fortsetzte. Nach ausgiebiger Debatte brachte eine Mehrheit von 20 Stimmen bei 13 Gegenstimmen einen Prüfauftrag für die Stadtverwaltung auf den Weg, den die Gruppe GUS (Grün-Unabhängig-Sozial) beantragt hatte.

Gruppensprecher Michael von den Berg (Grüne) bezeichnete es als folgerichtig, dass nach der Anerkennung des „dritten Geschlechts“ auch öffentliche Toiletten für Menschen eingerichtet werden, die sich weder auf dem Herren- noch auf dem Damen-WC wohl fühlen würden. Die Einrichtung von Unisex-Toiletten sei eine Frage der Menschenwürde, denn es gebe „keine intimere Situation im öffentlichen Raum als den auf einer Toilette“.

Auch wenn es für dieses Angebot baurechtlich derzeit noch keine rechtliche Notwendigkeit gibt, wie der Leiter des Referates Hafen, Umwelt, Bauordnung und Feuerwehr, Niksa Marusic, ausführte, gibt es dafür offenbar dennoch einen Bedarf.

Das bestätigte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Cordula Franke. Nach ihren Angaben leben in Deutschland rund 100.000 intersexuelle Menschen. Auch in Wilhelmshaven würden Betroffene leben. Andere Länder, etwa in Skandinavien, würden diesem Personenkreis bereits eigene Toiletten zubilligen. Die Kosten dafür seien überschaubar, müsse man doch lediglich Toiletten für alle Geschlechter schaffen, was in einigen Fällen schon dadurch machbar sein dürfte, indem man das „H“ oder das „D“ von der Toilettentür entfernt.


Franke warb für das Projekt, zumal „All Gender Toiletten“ nach ihrer Überzeugung über kurz oder lang ohnehin Pflicht werden dürften: „Wir würden ein Zeichen setzen und wir wären fortschrittlich.“

Trotz einiger kritischer Stimmen („Wir haben viel, viel wichtigere Sachen“, FDP-Ratsherr Christian Ressel) und einem (abgeschmetterten) Antrag auf Nichtbefassung von der AfD-Fraktion unterstützte die Mehrheit der Ratsmitglieder das Anliegen der GUS – allerdings musste die zunächst ihren Antrag präzisieren.

Erstmal geht es nur noch um einen Prüfauftrag an die Stadtverwaltung, ob es öffentliche Gebäude im Verbund der Stadt gibt – Rathaus, Schulen, Schwimmbäder, Bibliotheken etc. –, in denen zusätzlich zur Damen- und Herren- auch eine so genannte „All Gender“-Toilette eingerichtet werden kann. Im ursprünglichen Antragstext sollte die Verwaltung auch gleich damit beauftragt werden, dort, wo es die Möglichkeit dafür gibt, Unisex-Toiletten zu installieren.