Wilhelmshaven - Jugendlicher Leichtsinn kommentiert Johann Tjarks trocken das, was er am 16. Februar 1962 spätabends angestellt hat. Tjarks war damals 23 Jahre alt und arbeitete auf dem Hof seines Großvaters Johann Harms in Neu Augustengroden - unmittelbar hinter der zweiten Deichlinie.
Nachmittags waren Johann Tjarks und sein Großvater auf einer Auktion bei Hohenkirchen gewesen. Als sie auf dem Rückweg durch Altgarmssiel kamen, flogen die Dachpfannen vom dortigen Landhandel wie Papierfetzen durch die Luft. Was das bedeutete, war klar. Auf der Fahrt durch Javenloch hindurch alarmierten Tjarks und Harms die Männer, damit sie das Deichschart schließen.
Am Abend brach dann die erste Deichlinie, der Deich des Elisabethgrodens. An zehn Stellen spülte die See den Klei fort, wie sich am nächsten Tag herausstellte. Im Nu hatte die See 800 Hektar bestes Kulturland überflutet - und stand nun an der zweiten Deichlinie, dem Deich des Neu Augustengrodens.
In Höhe der Hofstelle Harms/Tjarks war erst im Jahr zuvor eine Überfahrt über den Deich gebaut worden. Johann Tjarks konnte nun beobachten, wie die See den Sand unter den Pflastersteinen wegspülte und am Deich nagte. Um besser sehen zu können, tuckerte der damals 23-Jährige mit dem Trecker, einem McCormack, den Deich hinauf und richtete die Scheinwerfer auf die tosende See. Dabei hätte der Deich dort jeden Moment brechen können - und die See hätte Johann Tjarks mitsamt Trecker fortgespült.
Doch die Drift hielt. Dafür ist Tjarks bis heute dem Wasserbauingenieur dankbar, der die Arbeiten überwacht hatte. Die Bauarbeiter wollten die Drift nämlich in den Deich hineinbauen. Dann wäre die Kappe viel zu schmal gewesen, sagt Tjarks heute - und der 250 Hektar große Neu Augustengroden wäre 1962 vermutlich überflutet worden. Auf Anweisung des Ingenieurs wurde die Drift jedoch auf den Deich draufgesetzt.
Während Tjarks in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 hoffte, der Deich möge Stand halten, kämpften einige hundert Meter weiter in Javenloch die Männer um das Deichschart. Dort stand die See oben am Deich und bollerte gegen das hölzerne Scharttor. Sandsäcke wurden innen dagegen gelegt, und auch die Löcher im Deich wurden mit Sandsäcken geflickt. Ganz ähnlich die Situation in Friederikensiel.
Durch die Überflutung des Elisabethgrodens stand die See am Deichschart zum Neu Friederikengroden, das mit Bohlen verschlossen war. Und auch dort war es knapp. So schnell, wie das Wasser gekommen war, verschwand es auch wieder, erzählt Johann Tjarks. Doch die Flut wirkte lange nach. Der Elisabethgroden war versalzen. Noch im Mai war das Gras braun, erzählt Tjarks. Und die Gerste war verdorben. Der Boden wurde mit Gips gedüngt, um das Salz zu binden.
