Wilhelmshaven - Dröhnender Applaus vom Band? Den Empfang hätte Alain Frei auch live haben können, denn das Pumpwerk war bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Schweizer Comedian mit Wohnsitz in Deutschland war nicht zum ersten Mal in Wilhelmshaven und er enttäuschte seine Fangemeinde nicht.
Das aktuelle Programm „All in” sei die persönlichste seiner bisher fünf Bühnenshows, versprach der 40-Jährige. „Ihr erfahrt heute Sachen über mich, die wollt ihr gar nicht wissen.” Das stimmte natürlich nicht, denn das Publikum wollte es ganz genau wissen.
Allen voran Uschi in der ersten Reihe, die selbst mit erhobenen Schweigefuchs-Fingern nicht zu bändigen war, denn „die darf man ja gar nicht mehr zeigen”, konterte sie. Der Comedian machte kurzerhand einen Schweigehasen daraus und bewies damit nicht nur seine Schlagfertigkeit, sondern auch Nerven aus Stahl.
Von Flutschfingernund Fahrradketten
Trotz immer wieder eingeflochtener Zwiesprache mit Uschi und anderen Zuschauern erfuhr das Publikum an diesem Abend eine Menge über die Liebe des jungen Schweizers zu Deutschland, über sein neues Haus auf dem Land, neue Beziehungen, nicht nur zu einem Pferd, sondern auch zu einer Frau und über das Baby, das nun in sein Leben getreten ist und gleich mal eine Panikattacke ausgelöst hat.
An dieser Stelle die Gags aufzulisten, die Alain Frei so charmant wie locker über die Lippen kamen, macht wenig Sinn, denn was das Publikum vor Lachen von den Stühlen rutschen ließ, war die Kombination aus Pointe, Dramaturgie und Improvisationstalent.
Es sei hier nur soviel verraten: Kaum einer aus dem Publikum dürfte in Zukunft noch ohne Kopfkino „Flutschfinger” am Eisstand kaufen können und auch Redewendungen wie „Hätte, hätte, Fahrradkette“ erscheinen ab sofort in ganz neuem Licht.
Für all das braucht der bekennende Deutschlandfan nicht viel: ein Mikrofon samt Ständer, um sich auch mal lässig abzustützen und einen Barhocker als Ablage.
Will man seine Komik beschreiben, dann ist sie zuallererst mal komisch. Sie ist aber auch charmant, weil irgendwie höflich. Sie ist nie belehrend, aber auch nicht beliebig. Alltagsrassismus erteilt er ohne erhobenen Zeigefinger, dafür selbstkritisch und verständlich eine Absage.
Pointen perfektdurchimprovisiert
Seine Pointen spielen nicht nonstop unterhalb der Gürtellinie, auch wenn diese für Lacher besonders geeignete Region nicht ausgelassen wird. Und natürlich hilft es, dass die Pointen gerne mal auf seine eigenen Kosten gehen. Über nichts lacht es sich schließlich so leicht wie über die Missgeschicke anderer.
Eins ist klar: Was an diesem Abend so locker-flockig und perfekt improvisiert rüber kam, war ein hartes Stück Arbeit. Den roten Faden nicht zu verlieren, wenn es im Publikum zahlreiche „Mitspieler“ gibt – Uschi durfte ihm sogar die Frisur richten – ist großes Comedy-Können.
Für viele überwiegend weibliche Fans schien der eigentliche Höhepunkt des Abends dann ganz zum Schluss gekommen zu sein. Nachdem der Comedian angekündigt hatte, „ihr könnt gleich noch Fotos mit mir machen und mich streicheln“, bildeten sie im Ausgangsbereich prompt eine große Traube.
