Wilhelmshaven - Wie erinnert sich die deutsche Gesellschaft an die Kolonialzeit, was passiert mit den in den Kolonien erworbenen und geraubten Kulturgütern in den deutschen Museen, beispielsweise auch im Küstenmuseum und Marinemuseum, und wie weit prägt das koloniale Erbe noch heute die deutsche Gesellschaft und macht sich noch in rassistischen Stereotypen fest?
Stellungnahme zur Sammlung des Küstenmuseums
Mit diesen Themen befasste sich einmal mehr der Kulturausschuss des Rates der Stadt. Als Sachverständigen in Sachen Herkunftsforschung hatte Ausschussvorsitzende Helga Weinstock (Basu) Dr. Sebastian-Manès Sprute, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik der Technischen Universität Berlin, eingeladen. Er arbeitet dort an einem Projekt zur Erforschung des materiellen Erbes Kameruns in deutschen Museen mit. Der Wissenschaftler nahm zur ethnologischen Sammlung des Küstenmuseums Stellung.
Sie stammt aus den Beständen des 1935 bis 1940/41 betriebenen Wilhelmshavener Marine- und Kolonialmuseums, das auf Betreiben des damaligen Militärdekans Friedrich Ronneberger zustande kam. Teils hatte Ronneberger selbst auf Reisen gesammelt, teils sind es Leihgaben und Schenkungen von Marinesoldaten und deren Angehörigen bzw. Erben, teils Leihgaben oder Schenkungen anderer Museen.
Eigentliche Herkunft oft nicht nachzuweisen
Doch die eigentliche Herkunft in den Ursprungsländern sei in fast allen Fällen nicht mehr nachzuweisen, so Sprute. Ronneberger listete zwar alles Inventar und alle Geber auf, doch notierte nichts zum Ursprung oder zur kulturellen Einordnung.
Es handelt sich nicht selten um Raubgut und oft klebt Blut von Kriegsverbrechen an ihnen. Dr. Karin Walter, die im Jahr 2004 die Ausstellung „Souvenirs von fremden Küsten“ kuratierte, notierte im Ausstellungskatalog: „Die wertvollsten Objekte des Museums sollen aus dem Nachlass des, wie heute bekannt ist, skrupellos in Kamerun vorgegangenen Hauptmann Friedrich Wilhelm Dominik stammen.“ Hinweisen nach hat sich dieser Mann schwerster Kriegsverbrechen schuldig gemacht.
„So ein Museum zieht Ewiggestrige an“
Kritisch betrachtet Sprute das Marinemuseum. „So ein Museum zieht Ewiggestrige an“, sagte er. Entsprechende Erinnerungsstücke würden dort abgegeben und gesammelt. „Wenn das die Ausrichtung ist, ist das höchst problematisch. Es betont die falsche Seite.“
Dies blieb nicht unwidersprochen. Stadtrat und Kulturdezernent Armin Schönfelder sagte, man dürfe dem Marinemuseum nicht Militarismus unterstellen. Schönfelder hob die Rolle von Dr. Stefan Huck in der Debatte um die Dekolonisation und die Benennung von Straßen und Plätzen nach womöglich belasteten Persönlichkeiten hervor. Das Marinemuseum sei Teil des Gedächtnisses der Stadt.
Anmerkung der Redaktion: Ergänzend dazu ist an die kritische Aufarbeit der Rolle der Marine im Ersten Weltkrieg und die Rolle der Marinesoldaten im Revolutionsgeschehen 1918/19, das zur Gründung des ersten demokratischen Staates in Deutschland führte, zu erinnern. Und ohne Huck und das Marinemuseum würde heute womöglich nicht so sichtbar mit dem Revolutionspfad und seinen Stelen daran erinnert, dass der revolutionäre Weg zur Demokratie auf Schillig-Reede gezündet wurde. In seinen Beiträgen zur Dekolonisierungsdebatte hat Huck deutlich gemacht, dass man erst am Anfang der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Kolonialzeit stehe.
Kulturelle Identifikation
Sprute räumte ein, dass das Marinemuseum keine belasteten Objekte beherbergt. „Betroffen ist das Küstenmuseum.“ Wie schwer der Verlust an Kulturgütern für Afrika insgesamt wiegt, erklärte er mit einem Vergleich: „Manche Dinge sind vergleichbar wie in Deutschland die Gutenberg-Bibel.“
An ihnen mache sich Geschichte fest, auf historischer Kenntnis wiederum gründe die kulturelle Identifikation. Im Gegensatz zu den historisch bedeutenderen Kolonialmächten wie England und Frankreich habe in Deutschland eine Debatte über das koloniale Erbe begonnen. „Frankreich betreibt noch heute ungenierten Neokolonialismus“, sagte Sprute.
Die in Deutschland und Europa angestoßene Debatte schwappe jetzt in die afrikanischen Länder. Die Menschen in Kamerun aber müssten bei der Erforschung ihrer Geschichte bei Null anfangen. Sie wüssten nicht, wo ihre Kulturschätze geblieben sind und auch nicht, wo sie suchen müssen. Denn: Wer ist in der deutschen Kultur-Kleinstaaterei zuständig? Hier solle das Projekt, an dem er an der TU Berlin mitarbeitet, Transparenz schaffen.
Sprute schlug vor, Kontakte in afrikanische Länder zu knüpfen. So könnte Wilhelmshaven beispielsweise eine Städtepartnerschaft mit dem neuen kamerunischen Tiefwasserhafen Kribi anstreben.
