Wilhelmshaven - Am Samstag feierte Juli Zehs „Corpus Delicti“ eine umjubelte Premiere im ausverkauften Wilhelmshavener TheOs. Die Herausforderung für Ensemble und Publikum war allerdings noch größer als beim Original, das 2007 für die Ruhrfestspiele geschrieben wurde.
Das dystopische Theaterstück über eine Gesundheitsdiktatur in nicht so ferner Zukunft hat Regisseurin Marie-Sophie Dudzic hier nämlich in der sogenannten Strichfassung von Marie Schwesinger inszeniert. Das bedeutet eine Komprimierung auf die Kernpunkte der Vorlage, auf die Bühne gebracht mit nur noch drei Hauptakteuren und einem minimalen Bühnenbild.
Im Mittelpunkt steht die Biologin Mia Holl (Hannah Sieh), die sich nur der Wissenschaft und der Vernunft verpflichtet sieht. Womit sie exakt zum geltenden Staatssystem, der alles beherrschenden „Methode“ passt. Ihr eigentlich emotionsfreies Denken ist jedoch eben massiv erschüttert worden, als ihr Bruder Moritz (Wiktor Grduszak) im Gefängnis Suizid begangen hat.
Als verträumter kleiner Rebell war er ohnehin nicht ganz systemkonform, dann aber wurde er per DNA-Beweis als Mörder an einer jungen Frau überführt und zum Tode verurteilt. Dem er sich durch eigenes Tun entzog mit der letzten Botschaft an seine Schwester: „Das Leben ist ein Angebot, das man auch ablehnen kann.“
Mia schwankt nun zwischen dem Verrat an ihrem Bruder oder am System. Worauf Heinrich Kramer (Stefan Faupel) einschreitet und die Beweisführung für unfehlbar erklärt. Dieser Herr in Weiß kommt als strenger Vertreter des vom System rigoros durchgesetzten absoluten Gesetzes, das den unbedingten kollektiven Überlebenswillen durchsetzt. Prävention, Überwachung und Gewaltausübung im Namen der Gesundheit und jede Abweichung von den Pflichten wird streng geahndet und Widerstand gilt als operativer Angriff auf das Wohl aller.
Für Mias Zweifel ist da kein Platz, denn die Vorschriften des System sind alternativlos und irgendwelche Herzensentscheidungen könnten zu Willkür führen. Die systemkritischen Umtriebe ihres Bruders wertet Kramer als reaktionären Freiheitswillen und zählt Moritz zu den Anti-Methodisten, was schlicht reaktionär sei. Und Kramer hat für jedes Argument Mias ein gnadenloses, der Vernunft untergeordnetes Gegenargument.
Als sie nun ihrerseits kleine Rebellionen wagt, indem sie Gesundheitskontrollen vernachlässigt und sogar heimlich raucht, landet sie vor Gericht. Wo sie aber auch mit der ganzen Schärfe ihres wissenschaftlichen Verstandes das Urteil gegen ihren Bruder erneut zur Sprache bringt. Tatsächlich gelingt ihr die zwingende Beweisführung, dass „Methode“ sich geirrt hat.
Das aber geht nicht, weil es das ganze System gefährdet. Und wenn Mia nun wegen ihrer sonstigen Verfehlungen erst zum Tod durch Einfrieren verurteilt und dann begnadigt wird – um keine Märtyrerin zu produzieren – führt das Ganze in eine für solche totalen Systeme typische Konsequenz: in ein Umerziehungslager. Und lässt den Zuschauer erschauern in seiner Unmenschlichkeit, wobei man Juli Zeh gerade prophetische Gaben bescheinigen muss, denkt man an die Covid19-Diktatur in China mit Millionen von Unterworfenen.
„Corpus Delicti“ ist in dieser kompakten Version packend gespielt – ein bebender Schrei nach der individuellen Freiheit, die durch „Methode“ bis ins Monströse eingeschränkt wird. Es ist ein Stück, das intensiv nachhallt.
