Wilhelmshaven - Mit dem Kinodokumentarfilm „Der Atem des Meeres“ hat der niederländische Regisseur und Produzent Pieter-Rim de Kroon einen ganz speziellen Blick auf das Wattenmeer gerichtet. Bei einer Vorab-Premiere konnten sich auf Einladung der Nationalparkverwaltung und der deutschen Verleihfirma eine Reihe geladener Gäste den Film anschauen und mit dem Regisseur und dem für die Recherche zuständigen Kees Colenbrander ins Gespräch kommen.
Auch wenn der englische Originaltitel „Silence of the Tides“ etwas anderes vermuten lässt: Es ist keinesfalls ein ganz stiller Film. Er ist ebenso ruhig wie laut und besticht ebenso mit wunderschönen wie mit verstörenden Bildern, die einen zunächst etwas ratlos zurücklassen. Was tut der Mann dort auf seiner Minieisenbahn mitten im Watt? Warum sehen wir das Schlachten von Schafen, nachdem wir gerade noch dem fröhlichen Balztanz der Wattvögel zusehen konnten?
Im Verlauf des Filmes wird schließlich ein Muster sichtbar, das von den unzähligen Kreisläufen erzählt, die das Leben auf dem, im und am Wattenmeer bestimmen.
Auf Sonnenaufgang folgt Sonnenuntergang, Wasser läuft ab und wieder auf, fressen und gefressen werden, einatmen und ausatmen. Visualisiert in fulminanten Bildern und unterlegt mit einem Rundumsound, der mal schmeichelt und mal erschreckt. 80 Prozent davon, so de Kroon, sind real aufgenommene Geräusche und 20 Prozent sind eingefügt, denn „Film ist immer auch ein Stück Fantasie“.
Neben dem Wattenmeer selbst, das sich über 500 Kilometer von Den Helder in den Niederlanden bis Skalingen in Dänemark erstreckt, sind vor allem die mit und von ihm lebenden Kreaturen die Hauptdarsteller des Films. Von Muscheln über Vögel, Robben und Schafe bis hin zu Fischern, Forschern, Leuchtturmwärtern und Halligpostboten. Erzählt wird von ihnen ausschließlich in Bildern. Und manchmal kann der Kinobesucher teilhaben an ihren auf Deutsch oder Niederländisch geführten Gesprächen. Was sie alle eint, ist der Lebensraum, den sie sich teilen.
Prägend für den Film und eine der bedeutendsten Erfahrungen für sie selbst, so de Kroon und Colenbrander, war die Bekanntschaft mit den Menschen auf den Halligen, deren Leben am unmittelbarsten mit dem „Atem“ des Wattenmeeres verwoben ist.
Und auch Wilhelmshaven ist mit der Kulisse des JadeWeserPorts vertreten und mit einem leise ins Bild gleitenden Heißluftballon vom Ballonmeeting 2019. Er bildet den malerischen Hintergrund für die Pfeiler eines alten Schiffsanlegers, die bei Eckwarderhörne unerschütterlich im auf- und absteigenden Nordseewasser verharren.
Der Film drängt sich nicht mit einer Botschaft auf, sondern überlässt dies dem Auge des Betrachters. Sie könnte darin bestehen, den Blick zu schärfen für die Fragilität natürlicher Kreisläufe, die auch unser Leben bestimmen. Sie könnte aber auch ganz einfach darin liegen, sich neu von dem faszinieren und berühren zu lassen, was uns Küstenmenschen vertraut und alltäglich erscheint.
Für Pieter-Rim de Kroon besitzt das Bild einer Festtafel im Wattenmeer, um die herum das Wasser stetig anschwillt, hohe Aussagekraft: „Das Wasser steigt und steigt, aber wir reagieren nicht.“
Mindestens ein Grund, sich den Film anzuschauen, sind aber die beeindruckenden Nahaufnahmen der Wattenmeerfauna unter und über Wasser, die einem Besucher des Weltkulturerbes sonst verschlossen bleiben. Ab dem 29. Juli ist der Film im UCI in Wilhelmshaven und in zahlreichen Kinos bundesweit zu sehen.
