Wilhelmshaven - „Der Köder muss dem Fisch schmecken“, sagt Prof. Dr. Uwe Weithöner. Mit Köder meint der Ratsherr von WIN@WBV das touristische Angebot in Wilhelmshaven, Fisch steht für den Gast. Eine einfache Logik – nur werde sie in der Diskussion um Tourismusmarketing in der Jadestadt zu wenig berücksichtigt. Weithöner selbst hat an dem lange diskutierten Tourismuskonzept für Wilhelmshaven mitgewirkt, als Experte, nicht als Politiker. Inzwischen ist er beides. Dass es an der Umsetzung hakt, ärgert ihn, genau wie seine Fraktion. Und die Gründe, woran es hakt, hat WIN@WBV ausgemacht.Tourismus ist nicht
Stadtentwicklung

Zum Selbstverständnis des kommunalpolitischen Vereins gehört es, Probleme nicht nur zu benennen, sondern auch Lösungen aufzuzeigen und dafür Experten ins Boot zu holen. „Gerade beim Thema Tourismus fehlt es an Fachleuten – im Rat und in der Verwaltung“, bemängelt Ratsherr Olaf Fischer. Das zeige sich schon beim Umgang mit Begrifflichkeiten, ergänzt Hinrik Dollmann, der lange für die TUI und später als Tourismusmanager auf Langeoog tätig war. Heute ist er als Fachmann Sprecher der AG Tourismus bei WIN@WBV. „In Rat und Verwaltung wird zwar oft von Tourismus gesprochen, gemeint ist aber Stadtteilentwicklung. Auch der Oberbürgermeister mahnt bei der touristischen Entwicklung Stadtteilgerechtigkeit an. Die kann es geben“, betont Dollmann.

Fischer macht es plastisch: „Natürlich muss das Radwegenetz ertüchtigt und ausgebaut werden. Aber das hat nichts mit Tourismus zu tun, das ist Stadtentwicklung, muss also auch aus anderen Töpfen finanziert werden.“ Weithöner verweist auf das Freibad Nord, das auch WIN@WBV unbedingt erhalten will. „Aber wegen des Bades kommt kein Tourist zu uns. Wir brauchen aber Einnahmen aus dem Tourismus, um etwa das Freibad zu finanzieren. Tourismus hilft also bei der Stadtentwicklung, ist aber etwas anderes.“Klares Defizit bei
Übernachtungsgästen

Besagte Einnahmen sollen aus dem Übernachtungstourismus kommen, den es nachhaltig zu stärken gelte, sagt Weithöner. „Beim Tagestourismus sind wir mit 4,2 Millionen Besuchern pro Jahr gut aufgestellt. Uns fehlen Übernachtungsgäste. Die bringen statistisch pro Person und Tag 80 Euro. Das ist die Wertschöpfung, die wir brauchen.“


Deutschland-Tourismus erlebe nicht zuletzt durch Corona einen enormen Boom. „Hier müssen wir viel mehr machen. Durch die fehlende Koordination in und zwischen den verschiedenen Gremien verlieren wir Zeit und damit Geld. Es braucht ein viel besseres Miteinander und einen Fachausschuss für Tourismus, das ist schließlich ein eigenes Gewerbe“, fordert Dollmann. Tourismus finanziert
Stadtteilgerechtigkeit

Dass die touristische Attraktivität der Stadt an der Wasserseite am und rund um den Südstrand liege, sei unstrittig, sagt Fischer. Deshalb müsse genau dort investiert werden. „Wenn Gäste über die Autobahn kommen, sollen sie nicht links nach Hooksiel, sondern nach rechts fahren.“ Tourismus sei ein Wirtschaftsfaktor, von dem auch die öffentliche Hand profitiere, die dann mit neuen finanziellen Spielräumen in Stadtentwicklung investieren und für Stadtteilgerechtigkeit sorgen könne.

Im aktuellen Doppelhaushalt sind 1,2 Millionen Euro für erste Umsetzungen des Tourismuskonzeptes eingestellt. Die sollten laut WIN@WBV in einen Wohnmobilstellplatz am Banter See, Angebote für Familien und junge Leute sowie die Attraktivitätssteigerung der Südstrandpromenade fließen. „Grundsanierung und Unterhaltung der Südstrandpromenade ist überwiegend Standardaufgabe der städtischen Eigenbetriebe GGS und TBW, fällt also in deren Haushalte und nicht unter die 1,2 Millionen Euro“, stellt Ratsherr Stefan Becker klar und verweist auf eine Mängelliste, die seit zwei Jahren nicht abgearbeitet ist.

Lutz Rector
Lutz Rector Stellv. Redaktionsleitung, Wilhelmshavener Zeitung