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Medien Wie die Corona-Krise den Redaktionsalltag verändert

Gerd Abeldt

Wilhelmshaven - Donnerstag 9 Uhr. Morgenbesprechung in der WZ-Redaktion. Im kleinen Besprechungsraum, in dem üblicherweise zehn bis zwölf Journalisten die Tagesproduktion vorbesprechen, sitzen nur noch vier Kollegen – je ein Vertreter aus den Lokalredaktionen für Wilhelmshaven und Friesland, ein „Sportler“ und der Chefredakteur.

Auf dem Tisch liegt ein Mobiltelefon. Weitere fünf Kollegen melden sich über den Internet-Dienst „Google Hangouts“ zur Konferenz. Der Rest der 20-köpfigen Redaktion ist im Urlaub – oder in Kurzarbeit.

Seit dem 1. April hat auch der Brune-Mettcker-Verlag, in dem die „Wilhelmshavener Zeitung“ erscheint, für die meisten seiner Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet. Der Grund: Das Coronavirus. Die Geschäfte in Stadt und Landkreis sind geschlossen. Öffentliche Veranstaltungen finden nicht mehr statt. Druckaufträge brechen weg, das Aufkommen von Anzeigen, die die Zeitung maßgeblich mitfinanzieren, schrumpft gewaltig.

Arbeit im Krisenmodus

Also Krisenmodus: Welche Themen wollen wir anpacken? Was lesen die Leser gern? Hinweise darauf liefert die Online-Redaktion. Was Leser der WZ-Epaper-Ausgabe oder auf dem Onlineportal „lokal26“ gern lesen, sieht man anhand der Klickzahlen. Die Corona-Krise mit ihren Auswirkungen auf Menschen und Unternehmen in der Region schlägt alles.

Der Terminplan, der den Alltag vieler Redaktionen normalerweise strukturiert, ist leer. Keine Kulturveranstaltung, keine Vereinstreffen, keine Sitzungen kommunaler Gremien. Und: Auch politische Debatten jenseits der Räte sind weitgehend eingeschlafen. Ein möglicher Grund: Bei Fragen zur Corona-Krise sind derzeit vor allem die Hauptverwaltungsbeamten mit ihren Stäben in den Rathäusern gefragt. Zumindest hier – in Wilhelmshaven und Friesland – wird ihnen gute Arbeit bescheinigt.


Aber es gäbe ja auch noch andere Themen, die spätestens in der Zeit nach Corona wieder wichtig werden: Museumsschiffe, Stadthalle, Tourismus, Krankenhausneubau, Wirtschaftsförderung, Haushaltslage und, und, und.

Telefone und E-Mail sind in der Krise wichtiger denn je

Was kommt in die Zeitung? Die Corona-Krise ist und bleibt voraussichtlich noch für ein gewisse Zeit das beherrschende Thema. Ein erster Todesfall in der Region. Facharztpraxen klagen über Patientenschwund. Ein WZ-Fotograf hat einen Schnappschuss von einem Osterhasen mit Mundschutz gemacht. Wie sieht es eigentlich in den Haupteinkaufsstraßen aus, wenn dort kam noch Lauf ist? Ein Anfang. Was machen wir im Sportteil, wenn niemand mehr so richtig Sport treiben kann? Keine Sorge, den Kollegen in der Sportredaktion fällt sicher noch etwas ein.

Die Konferenz ist beendet, das Tagwerk der Journalisten beginnt. Telefone und E-Mail werden in Corona-Zeiten noch wichtiger als sonst, da nur noch wenige Protagonisten zu Direktgesprächen bereit sind. Recherche tut not. Was kann man sich vor Ort ansehen? Wer hat in der Krise originelle Ideen? Wer hilft anderen? Keine Schutzmasken in der Pflege – da tun sich echte Probleme auf. Was ist gesperrt? Wer sind die echten Helden des Alltags? „Schöne Idee – sollten wir eine Geschichte draus machen . . .“

In der Redaktion ist es gespenstisch ruhig. In jedem Raum sitzt höchstens ein Journalist. Dennoch füllen sich die Zeitungsseiten nach und nach – die Kollegen im „Homeoffice“ sind auch fleißig. Viele Leser schreiben der WZ. Leserbriefe, ja, aber – was sonst er selten vorkommt – auch Dankesschreiben. „Schön, dass es euch gibt. Ohne Zeitung wäre der Tag so langweilig.“ Ein Lob fürs ganze WZ-Team, das natürlich nicht nur aus Journalisten besteht. Dazu gehören Mediengestalter, Anzeigenverkäufer, Drucker, Zeitungszusteller und viele mehr.

Streifzug durch das Internet

Kleiner Spaziergang in der Mittagspause. Danach ein Streifzug durchs Internet. Wie entwickelt sich die Zahl der Corona-Erkrankten? Oberbürgermeister und Landrat halten Sprechstunde auf Facebook. Das Land erlässt neue Corona-Verfügungen. Die Wirtschaft fordert einen Plan für den Einstieg in den Ausstieg aus der Kontaktsperre.

Sichten der lokalen und überregionalen Nachrichtenlage, Entscheidung über den Aufmacher auf Seite 1. Kommentar-Themen festlegen. Um 17 Uhr „Blattschau“ – eine Nachmittagskonferenz, bei der die bis dahin schon fertigen Seiten gesichtet werden. Wieder läuft die Debatte weitgehend digital, und irgendwie blutarm. Ist die Überschrift des Aufmachers griffig genug? Sollte das schöne Bild auf Seite 5 nicht etwas größer abgebildet werden? Müssen die vielen Abkürzungen sein? „Nein!“

Kommunikation ist für ein Gemeinwesen wichtig

Die Blattschau ist beendet. Der Schlussspurt beginnt. Viele Kollegen machen Feierabend. Kurzarbeit halt. Nur der Spätredakteur hält bis spät in die Nacht die Stellung, überwacht die Produktion der überregionalen Seiten, behält die Nachrichten auf den Tickern der Agenturen im Blick.

22 Uhr, eine SMS von der Feuerwehrleitstelle. Ein Einfamilienhaus steht in Flammen. Der WZ-Fotograf ist auf dem Weg. Die Online-Redaktion vorgewarnt. Der Spätredakteur baut in Rücksprache mit dem Chefredakteur die Seite 1 um. Das Osterhasenbild fliegt raus. Der Brand ist wichtiger. Die erste Aufgabe von Zeitungen ist es, zu berichten, was ist – in Print und Online.

Liebe Leserinnen und Leser, wenn Sie auf der heutigen Seite 1 der WZ das Osterhasenbild noch sehen sollten, hat es den Brand eines Hauses am Donnerstagabend nicht gegeben. Aber es hätte ihn geben können. Wie jeden Tag. Und die WZ-Redaktion hätte berichtet. Wie jeden Tag. Trotz Kurzarbeit und trotz Corona-Krise. Weil Kommunikation für ein Gemeinwesen wichtig ist – Auge in Auge oder auch digital. Genau dafür steht die WZ-Redaktion.

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