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StadtGeschichte Wie die Energie nach Wilhelmshaven kam

Colla Schmitz

Wilhelmshaven - Die Versorgung der Stadt mit Gas, Elektrizität und Wasser ist für Josef Thomann der erkennbare Beweis für die Wandlungsfähigkeit von Tradition.

Eduard von Jachmann. Vizeadmiral und Visionär seiner Majestät Wilhelm I. Von der Technikbegeisterung des gebürtigen Danzigers profitiert bis heute Wilhelmshaven. Denn der Offizier brachte die Stadt buchstäblich zum Leuchten. Und das bereits 103 Tage nach deren offizieller Gründung.

Unter seiner Federführung verpflichtete das preußische Marineministerium nämlich am 28. September 1869 den Berliner Unternehmer Carl Egells und den Ingenieur Philipp Otto Oechelhäuser das Lieblingsprojekt des Monarchen binnen eines Jahres mit Gas zu versorgen, das „mit hellleuchtender Flamme brennt und beim Verbrennen keinen üblen Geruch verbreitet“. Nicht nur Termin und Qualität wurden vertraglich festgelegt, sondern auch der Standort: Ein Grundstück an Roon- und Schlossstraße (heute Rheinstraße, Mainstraße, Weserstraße und Nahestraße). Wenige Monate nach der Unterzeichnung wird im März 1870 die Absicht, eine Gasanstalt zu errichten, in der Wilhelmshavener Presse angekündigt. „Wenn man so will, war das die Geburtsstunde der GEW Wilhelmshaven“, erläutert Josef Thomann. Wilhelmshaven sei, so der Geschäftsführer des Energieversorgungsunternehmens, eine der ersten deutschen Städte gewesen, die real mit einer Gasversorgung aufgewachsen ist. Für die Ausbauphase waren 169 Straßenlaternen mit einer jährlichen Brennleistung von 1200 Stunden vorgesehen, die nach einem vom Marineministerium vorgeschriebenen Brennkalender angezündet und gelöscht werden sollten.

Leitgedanke der GEW: „Total lokal“

Der Versorgungsauftrag hat sich in den vergangenen 150 Jahren naturgemäß den wachsenden Anforderungen angepasst. Unverändert sind hingegen die Wurzeln. Gestern wie heute ist der Firmensitz in der Südstadt beheimatet. Optisch hat sich auf dem Areal, auf dem ehemals auch das Geschäft des Fotografen Karl „Kalli“ Drüppel stand, einiges getan. Altes ist Neuem gewichen. Seit 1976 sind der Verwaltungsneubau sowie die angrenzenden Gebäude das berufliche Zuhause von rund 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie alle eint der Leitgedanke der GEW: „Total lokal.“ Eine Liebeserklärung an die Stadt und ihre Einwohner.

Vom Königreich übers Kaiserreich bis hin zur Demokratie – über alle Regierungsformen hinweg ist man seinem Anspruch treu geblieben, den Bürgern eine größtmögliche Versorgungssicherheit zu garantieren. Besonders deutlich wurde diese Verbundenheit in schweren Zeiten. Insgesamt 102-mal fielen im Zweiten Weltkrieg die Bomben auf Wilhelmshaven. Zwei Drittel der Stadt lagen 1945 in Schutt und Asche.


Bei Kriegsende verfügt die „Gas- und Elektrizitätswerke Wilhelmshaven-Rüstringen GmbH“ infolgedessen nur noch über ein eingeschränktes Leitungsnetz. Aus Luftschutzgründen war man drei Jahre zuvor an die Ferngasversorgung Weser-Ems angeschlossen worden. Erheblich in Mitleidenschaft gezogen war die Wasserversorgung. Die Auswirkungen waren noch 1947 zu spüren. Fast 17 Prozent der Förderung gingen immer noch verloren. Das gab den Anstoß, den Zweckverband Jade-Weserwerke zu gründen.

Trinkwasserproblematik in Wilhelmshaven

Die Trinkwasserproblematik ist in Wilhelmshaven allerdings nicht neu. „Sie ist sogar älter als die Stadt“, betont Josef Thomann. Drei Jahre nach dem Jadevertrag, der den Beschluss Preußens und Oldenburgs, einen Kriegshafen zu gründen, zum Inhalt hatte, scheiterte der Ingenieur Ludwig Witt 1856 bei dem dazu dringend erforderlichen ersten Trinkwasserbohrversuch. Erst knapp zwei Jahrzehnte später bohrt Philipp Otto Oechelhäuser im Auftrag der Marine in Feldhausen und stößt im Barkeler Busch auf eine ergiebige Wasserquelle. Es entsteht vor Ort das Wasserwerk Feldhausen. Am 30. März 1878 fließt dann das erste Feldhauser Wasser aus den Rohrleitungen der Jadestadt: „Inzwischen fördern wir in unseren Wasserwerken in Feldhausen und Horsten jährlich 8,4 Mio. Kubikmeter (Stand 2018) Trinkwasser aus 90 Metern Tiefe. Und das in einer Qualität, die selbst für die Zubereitung von Babynahrung geeignet ist.“

Damit das weiterhin so bleibt, investiert die GEW pro Jahr zwei Millionen Euro in ihre Wassergewinnung. Parallel setzt man auf Aufklärung. 2007 wurde in Feldhausen die Wassererlebniswelt „acvaviva“ eröffnet und bietet Schülern auf 400 Quadratmetern eine kostenlose multimediale Dauerausstellung rund ums Trinkwasser. Dem engagierten Ingenieur Oechelhäuser hätte es sicherlich gefallen, dass Kindern dort der achtsame Umgang mit diesem wichtigen Lebensmittel beigebracht wird. Zu gut ist ihm die Phase in Erinnerung geblieben, in der an der Jade Wasserknappheit herrschte.

Umstellung auf Erdgas

Das Motto des diesjährigen Stadtjubiläums „Aus Tradition im Wandel“ ist somit maßgeschneidert für die GEW. Das Unternehmen gehört schließlich zu den Zeitzeugen Wilhelmshavens. Ökonomisch ebenso wie ökologisch. Fragt man Josef Thomann nach einem Ereignis, das den Energieversorger im Rahmen seiner langen Geschichte besonders geprägt hat, muss er nicht lange überlegen. „Die Umstellung von Stadt- auf Erdgas“, sagt der 56-Jährige. Damit endete 1968 die Gasproduktion auf dem Betriebsgelände in der Nahestraße. Für Wilhelmshaven sei es das Thema Nr. 1 gewesen. Immerhin mussten vielerorts aufgrund des höheren Brennwertes die alten Herde und Backöfen gegen moderne ausgetauscht werden. Obwohl der Begriff Energieberatung noch nicht geläufig war, setzte die GEW auf umfangreiche Aufklärungsarbeit: „Nicht zuletzt deshalb liegt der Anschlussgrad für Gasheizungen in der Stadt bei über 90 Prozent.“

Vorausschauendes Handeln zieht sich wie ein roter Faden durch alle Bereich der GEW. So baute man, lange bevor das Wort Klimawandel überhaupt Einzug in unseren Sprachgebrauch hielt, schon auf Windenergie. Im November 1989 wurde die erste Windkraftanlage im Jade-Windpark im Stadtnorden in Betrieb genommen. „Hier wird derzeit die dritte Generation geplant“, unterstreicht der Geschäftsführer. Nachhaltigkeit hat für den Diplom-Ökonom neben der Versorgungssicherheit der Stadt oberste Priorität. „Das eine geht nicht ohne das andere“, findet er mit Hinweis darauf, dass die GEW seit vielen Jahren durch ihr Grünstrom-Produkt „havenstrom natur“ das Weltnaturerbe Wattenmeer unterstützt.

Vorzeigeprojekt Blockheizkraftwerk

Ebenfalls sichtbar wird der ökologische Anspruch des Energieversorgers auf dem Marinestützpunkt. 1987 errichtete das Unternehmen auf dem Bundeswehrgelände ein sogenanntes Blockheizkraftwerk (BHKW), das vor zwei Jahren auf den neuesten Stand der Technik gebracht wurde. Die Anlage wird mit Erdgas betrieben. Ein Vorzeigeprojekt, das einen wesentlichen Beitrag zur umweltfreundlichen Wärmeerzeugung aufgrund der Kraftwärmekopplung liefert. Mit seiner Leistung könnte es übrigens 2000 private Haushalte mit Wärme versorgen. Und nicht nur das. Bei der Produktion von Wärme fällt im BHKW Strom ab. Ein angenehmer Nebeneffekt. Jedoch ein ziemlich eindrucksvoller: „Über Transformatoren speisen wir 2750 Kilowatt elektrische Leistung ins vorgelagerte Stromnetz ein.“

Nicht nur die Anforderungen an die Energie haben sich während der vergangenen Jahrzehnte für die GEW gewandelt. Einst durch Wunsch eines Königs nach einem Kriegshafen entstanden, ist aus dem ursprünglich inhabergeführten Unternehmen nach Ende des Ersten Weltkriegs eine GmbH geworden. Nachdem im Jahr zuvor das Oechelhäusersche Gasversorgungsmonopol ausgelaufen ist, kommt es am 10. April 1920 zur Gründung der Gas- und Elektrizitätswerke Wilhelmshaven-Rüstringen GmbH. Ein Meilenstein, den die GEW im kommenden Jahr feiern wird.

Initiator dieses Zusammenschlusses war damals Wilhelmshavens Oberbürgermeister Emil Bartelt. Die Städte Wilhelmshaven und Rüstringen brachten die Stromversorgung ein, die Thüringer Gasgesellschaft (Thüga) mit ihrem 1906 gekauften Gaswerk die Belieferung mit dem notwendigen Brennstoff. Ein Glücksfall für alle Beteiligten. Die Anteile an der GmbH wurden demzufolge gedrittelt: „Durch die Hinzunahme der Wasserversorgung 2002 hat sich die Verteilung geändert. Heute hält die Stadt 51 Prozent.“

Traditionell hat daher der Oberbürgermeister den Vorsitz des Aufsichtsrats inne. Seit dem 1. November fällt diese Position Carsten Feist zu. Josef Thomann schätzt die generell kurzen Wege zur Verwaltung und den direkten Draht, wenn es darum geht, sich für die Zukunft Wilhelmshavens einzusetzen: „Wir haben unseren festen Platz im Gefüge der Stadt. Uns verbinden unter anderem die gleichen klimarelevanten Themen. Hinzu kommen weitere Schwerpunkte wie Mobilitätskonzepte, der demografische Wandel und die digitale Transformation.“

Konzert des Wilhelmshavener Sinfonieorchesters

Im Laufe seiner 150-jährigen Firmenhistorie hat der Energieversorger seine Heimatstadt in vielerlei Hinsicht geprägt. Und damit ist nicht nur die Versorgung von 40 000 Haushalten mit Strom, Wärme und Wasser gemeint. Das Unternehmen stellt sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung. Als Arbeitgeber und Ausbildungsbetrieb ebenso wie als Sponsor. Deutlich wird dies durch die aktuelle Kampagne „High Five“, die zeigt, dass die GEW als Förderer von Sport, Kultur, Bildung und Sozialem erfolgreich zu einem bunten Wilhelmshaven beiträgt.

Wenn Ende 2019 das Jubiläumsjahr der Stadt ausgeklungen ist, schlägt der Energieversorger im wahrsten Sinne des Wortes neue Töne an. „Um die Gründung unserer GmbH vor 100 Jahren entsprechend zu würdigen, richten wir am 15. März ein Konzert des ‚Neuen Wilhelmshavener Sinfonieorchesters‘ im Stadttheater aus“, verrät der Geschäftsführer und fügt hinzu: „Unter der Federführung des Dirigenten Marcus Prieser ist ein Programm entstanden, das die Energie musikalisch interpretieren wird.“

Eine Veranstaltung, mit der man Danke sagen will. Der Stadt für die konstruktive Kooperation seit 1869, den Mitarbeitern für ihre Loyalität und ihren Einsatz rund um die Uhr sowie den Kunden für ihre jahrelange Treue. „Nichts von all dem ist selbstverständlich“, weiß Josef Thomann aus Erfahrung. Für ihn stehen die drei Buchstaben der GEW deswegen für „Gemeinsam Ein Weg“. Wohin dieser führen wird, daran lässt er keinen Zweifel: „Immer nach Wilhelmshaven und immer zum Wohl dieser Stadt.“

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