Wilhelmshaven - In diesem Jahr fallen die öffentlichen Veranstaltungen zur Erinnerung an die Reichspogromnacht als Präsenzveranstaltungen weitgehend aus. Man bemüht sich auch in Wilhelmshaven, sie wenigstens virtuell stattfinden zu lassen.
Pastor Frank Moritz spricht am Montag, 9. November, ab 18 Uhr in einer Sendung von Radio Jade. Die Stadt Wilhelmshaven wird zusammen mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund, der IG Metall und den evangelischen und katholischen Kirchengemeinden Wilhelmshavens ab 19 Uhr eine Gedenkveranstaltung online ausstrahlen. Zu sehen ist das Video unter anderem auf www.wilhelmshaven.de.
Eine Seuche bedroht heute das Land. Vor 80 Jahren hieß der Seuchenzug Hass und forderte Millionen Opfer: durch Krieg nach außen, aber auch nach innen. Juden, Behinderte, Sinti und Roma, politisch Missliebige waren im nationalsozialistischen Deutschland der Verfolgung und Vernichtung anheimgegeben. Deutschlands Mehrheit hatte es so gewählt.
Ritual oder Ritus
Die Corona-Pandemie zwinge, dem Gedenken eine neue Form zu geben, meint Pastor Volker Landig aus Jever, Mitglied im Arbeitskreis Gröschlerhaus, dem Zentrum für Jüdische Geschichte und Zeitgeschichte der Region Friesland/Wilhelmshaven, und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Das habe auch sein Gutes. Man denke neu.
Dabei hätten Riten ihren Sinn. Landig unterscheidet zwischen ritualisiertem und rituellem Gedenken. Bei ersterem werde das Ritual zum sinnlosen Selbstzweck. In diesem Sinne werden die Gedenkveranstaltungen von Kritikern auch aus jüdischen Gemeinden als „Gedächtnistheater“ kritisiert. Nichtsdestoweniger, hält Landig dagegen, brauche die menschliche Gemeinschaft den Ritus als Stütze und als Form, sich verständlich zu machen. Dies kennzeichne insbesondere Religionen und stifte Identität und Bewusstsein – was vielen Menschen heute nicht mehr bewusst sei. Das gelte auch für die Religionsausübung in der evangelischen Kirche, meint Landig.
Etablierter Gedenktag
Wiederkehrend sich am 9. November der Pogrome zu erinnern, und zwar in großer gesellschaftlicher Übereinkunft, wurde erst seit Ende der 70er-Jahre üblich. „Nach Ende des zweiten Weltkrieges waren es vor allem Überlebende, die sich an den Jahrestagen der Befreiung ,ihrer’ ehemaligen Haftanstalten versammelten, um ermordete Mithäftlinge und Familienangehörige zu erinnern“, schreibt Elke Gryglewski, die kommissarische Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung.
Andere Gedenktage spielten im Nachkriegsdeutschland (West) eine bedeutendere Rolle – „Gedenktage, die die damals gängige Haltung der Deutschen als Opfer bewusst oder unbewusst untermauerten, etwa die vom Deutschen Roten Kreuz alljährlich veranstalteten Gedenken an die eigenen Gefallenen oder der Volkstrauertag, an dem lange Zeit aller Opfer gleichermaßen gedacht wurde, ohne den Kontext von Ursache und Wirkung zu thematisieren“, so Gryglewski.
Vor allem kirchliche Gruppen in der DDR erinnerten, wie die Historikerin weiter ausführt, seit Ende der 1970er Jahren an die Pogrome des 9. November. Auch in der Bundesrepublik sei dieser Tag seit 1978, dem 40. Jahrestag, zu einem zunehmend etablierten Gedenktag geworden. Seit den 1980er Jahren gebe es im Zusammenhang mit dem Wandel im Umgang mit der Vergangenheit in weiten Teilen der westdeutschen Gesellschaft ein verstärktes Bewusstsein für die Notwendigkeit des Gedenkens. Dieses spiegelte sich beispielsweise in der Vielzahl historischer Ereignisse, die in (Gedenk-)Veranstaltungen aufgegriffen wurden.
Erinnerungsarbeit
Dies bestätigt der Historiker Hartmut Peters, ebenfalls Mitglied im Arbeitskreis Gröschlerhaus, für die hiesige Region. Die Erinnerungsarbeit habe in der Region Ende der 70er Jahre begonnen und sei nur von wenigen Menschen getragen worden, „von vielen Stellen kritisch beäugt. Man galt als Nestbeschmutzer. Obwohl bekannt war, was an Gräueltaten passiert war. Viele Täter und aktive Mitläufer lebten noch. Auch in Verwaltung, Betrieben und Medien. Die gaben ihre Pole-Position altersbedingt in den 80er- und 90er Jahren ab“, so Peters.
Die rassistischen Ausschreitungen gegen Geflüchtete 1992/93 habe „ein wenig Schulterschluss“ bewirkt, auch unterstützt von staatlichen Stellen. Umso befremdlicher ist für Peters das Wiedererstarken rechter Ideologie seit den 90er Jahren bis hin zur Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds, deren wahrer Hintergrund von Polizei und Verfassungsschutz nicht gesehen wurde. Erst als der hessische Regierungspräsident Walter Lübke ermordet wurde, erkannte und benannte man auch staatlicherseits die wahre Gefahr.
Bildungsarbeit ist wichtig
Rassismus und Antisemitismus gebe es noch heute. Das habe natürlich auch soziale Hintergründe, wie das Gefühl, abgehängt zu sein. Doch auch Gutsituierte wählten rechts, wie die Bourgeoisie 1933, die Hitler unterstützte, obwohl sie ihn in seiner Art ablehnte. Er versprach, ihre Interessen durchzusetzen. Peters sieht die Polarisierung in den Gesellschaften mit Sorge. „Es entwickelt sich eine Hängepartie, auch wenn in Deutschland noch relativ viel Konsens herrscht.“
Peters: „Jetzt haben wir einen viralen Feind – und die Leute, die das Tragen von Masken als Freiheitsberaubung begreifen. Sie haben repräsentative Demokratie nicht begriffen.“ Deshalb sei politische Bildungsarbeit wichtig. Es gelte, den Wert der Institutionen eines demokratischen Rechtsstaats zu vermitteln.
Vor allem ältere Juden sorgten sich angesichts von Anschlägen auf Synagogen und des Erstarkens des rechten politischen Rands, sagt Ari Eisel aus Schortens (79), der sich als Konvertit in der jüdischen Gemeinde Oldenburg engagiert. Das Gedenken an die Shoah aufrecht zu erhalten, findet er enorm wichtig. So begrüßt er die Einbindung von Schulen, wie sie in Oldenburg praktiziert werde. Jedes Jahr arbeite eine Schule dort im Zuge des Projekts „Erinnerungsgang“ mit und beschäftige sich intensiv mit den geschichtlichen Vorgängen.
