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Soziale Einrichtung Wohnungslos bedeutet niemals wertlos

Alina ZAcher

Wilhelmshaven - „Dieses Gebettel von Obdachlosen nervt, die kaufen sich von dem Geld doch sowieso nur Drogen.“ Obwohl dieser Satz von vorn bis hinten fehlerhaft ist, hat ihn sicherlich jeder schon einmal gehört – vielleicht sogar selbst gesagt?

Sozialpädagogin Ina de Boer und Sozialwirt Tobias Kracher kümmern sich um die rund 800 Wohnungslosen in Wilhelmshaven. In der Diakonie-Sozialstation beraten sie, unterstützen bei der Wohnungs- und Jobsuche oder bei Gängen zum Amt. Außerdem können Wohnungslose in der Diakonie mit Speisen und Getränken versorgt werden, duschen, Wäsche waschen, schlafen und soziale Kontakte finden und pflegen.

Wichtig ist hierbei die Unterscheidung zwischen wohnungslosen und obdachlosen Personen. Ina de Boer erklärt, dass Personen, die tatsächlich draußen schlafen – also „Platte machen“ – als obdachlos gelten. Wohnungslos sind Personen, die zwar in Notunterkünften unterkommen, aber kein eigenes Heim haben. Sie machen dann „warme Platte“.

Wer sich an die Diakonie wendet, gilt in der Regel als wohnungslos, weil er sofort einen Platz in der Notunterkunft bekommt. Trotzdem gebe es in vielen – besonders in großen – Städten Obdachlose, die lieber auf der Straße schlafen. Sie nehmen eher die Gefahren der Schutzlosigkeit draußen auf sich, als die der Notunterkünfte, wo Diebstahl und Gewalt häufig eine große Rolle spielen.

Diese Probleme gebe es laut de Boer hier nicht. Das Vorurteil „Die Obdachlosen wollen das doch so“ sei schlichtweg falsch, die Alternative meist nur nicht besser. Häufig seien Wohnungslose auch in einem Teufelskreis gefangen, denn um Sozialhilfe zu erhalten, brauchen sie eine Meldeadresse – und die ist meist nicht vorhanden. Hier kann die Diakonie helfen.


Wie sieht es mit weiteren Vorurteilen aus?

Achten Wohnungslose nicht auf Körperpflege?

„In der Bevölkerung hält sich hartnäckig die Annahme, dass ein Wohnungsloser jemand ist, der ungewaschen am Straßenrand hockt und bettelt“, meint Kracher. „Vielen Leuten ist gar nicht bewusst, wie häufig sie auf Wohnungslose treffen und es gar nicht merken, weil man es den meisten einfach nicht ansieht.“ De Boer fügt hinzu, dass Wohnungslose aus allen Bevölkerungsschichten kommen: „Es ist heutzutage nicht schwer, wohnungslos zu werden“.

Sind alle Wohnungslosen alkohol- / drogensüchtig?

„Man kann sich wirklich einen Bevölkerungsschnitt malen und findet alle möglichen Leute. Daher wäre es eine Lüge zu behaupten, dass es nicht vorkommt“, so Kracher.

Trotzdem sei es problematisch anzunehmen, dass Wohnungslose nur ihre Suchterkrankung in den Griff kriegen müssten, um ihr Leben wieder in geregelte Bahnen zu lenken. „Das ist eine verkürzte Sichtweise“, ergänzt de Boer. Deswegen sei auch die Annahme, dass sich Obdachlose nur Geld für Drogen erbetteln, eine Demütigung.

Natürlich gehe bei einigen wenigen ein Teil dafür drauf. Trotzdem sollte man sich in die Situation hineinversetzen: Was muss im eigenen Leben geschehen sein, dass man bereit ist, fremde Menschen um einige Cents zu bitten?

Sind alle Wohnungslosen kriminell??

„Natürlich gibt es Menschen, die haftentlassen und erst einmal wohnungslos sind“, erklärt de Boer. Das sei suboptimal, bestenfalls sollten Haftentlasse bereits in der JVA vom Sozialdienst in einer Wohngruppe untergebracht werden – so eine Wohngruppe gibt es auch bei der Diakonie. „Wir würden uns mehr Unterstützung – schon aus der Haft heraus – wünschen, damit die Leute gar nicht erst bei uns aufschlagen müssen“, sagt Kracher. Trotzdem sei dieses Vorurteil falsch. Von den Wohnungslosen, die de Boer und Kracher betreuen, kommt laut der Pädagogin keiner aus der Haft.

Im Allgemeinen gelte, dass Wohnungs- und Obdachlose einen Querschnitt der Bevölkerung abbilden. Schicksalsschläge können genauso ein Grund für die Wohnungslosigkeit sein wie die Kündigung der Wohnung, ohne bereits eine neue gefunden zu haben.

Falsche Entscheidungen trifft jeder, auch wenn nicht alle so weitreichend sind, dass sie eine Obdachlosigkeit zur Folge haben.

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