Wilhelmshaven - An der ersten „Front“ der Gesundheitsvorsorge, bei den ambulanten Ärzten und im öffentlichen Gesundheitsdienst, fehlt es teilweise an der notwendigsten Grundausstattung – unverschuldet. Schnelles Internet ist in der Fläche Mangelware. Der öffentliche Gesundheitsdienst ist heute schon gleichsam kaputtgespart. Die Corona-Krise hat diese Mängel besonders deutlich offengelegt.

Das sind die Botschaften, die auf der gemeinsamen Landesvertreterversammlung der Landesverbände Bremen und Niedersachsen des Hartmannbundes, des Berufsverbandes der Ärzte und Zahnärzte, am Sonnabend im Atlantic-Hotel ausgingen. Bezirksvorsitzender Klaus-Peter Schaps aus Wilhelmshaven hatte die Tagung „an Land gezogen“, zu der die Vorsitzende des Landesverbandes Niedersachsen, Prof. Dr. Anke Lesinski-Schiedat, und der Vorsitzende aus Bremen, Dr. Jörg Hermann, etliche Ärzte begrüßten.

Oberbürgermeister Carsten Feist betonte in seinem Grußwort, dass es dem deutschen Gesundheitswesen insgesamt gelungen sei, die Bevölkerung einigermaßen gut durch die Corona-Zeit zu bringen. „Wir sind alle in einem Lernprozess und überprüfen uns ständig“, sagte er.

Dr. Klaus Reinhardt, Bundesvorsitzender des Hartmannbundes und Präsident der Bundesärztekammer, bezeichnete zwei Dinge als Zeichen einer Krise in Deutschland: die völlig unzureichende Versorgung mit schnellem Internet und einen Mangel an „intellektueller Führung“. Er kritisierte den Kahlschlag im öffentlichen Gesundheitsdienst: Die Zahl der Stellen dort sei von 5800 vor einigen Jahren auf 2400 abgebaut worden. Trotz Corona-Krise spricht sich Reinhardt für Effizienzsteigerungen und Fusionen bei den Krankenhäusern aus. Längst nicht jedes Krankenhaus, das Prämien für Bettenstilllegungen in Anspruch genommen habe, wäre überhaupt für die Aufnahme von Corona-Patienten geeignet gewesen, kritisierte er.

Als einen der beiden Hauptreferenten für das Thema „Corona als Innovationsturbo: Wie kann eine effiziente und sichere Versorgung im Gesundheitswesen gelingen?“ hatten die Ärzte Stefan Muhle, Staatssekretär im Niedersächsischen Wirtschaftsministerium, eingeladen Er ist der Koordinator und Antreiber der Landesregierung in Sachen Digitalisierung. Den Breitbandausbau voranzutreiben, um auch in der Fläche schnelles Internet verfügbar zu haben und große Datenmengen transportieren zu können, sei vordringliches Ziel, wobei Muhle die Rahmenvorgaben, die der Bund mit seinem Digitalpakt vorgebe, als völlig unzureichend ansieht. Im Ergebnis würde es noch Jahre beim Kupferkabel bleiben, wobei nur der Anschluss ans Glasfaserkabel die nötige Versorgung garantiere.


Neben der Infrastruktur müsse in IT-Fachpersonal investiert werden, statt bürokratischer Vorgaben seien Eigenverantwortung und das Kopieren von besten Beispielen jetzt notwendig.

Der Bremerhavener Gesundheitsamtsleiter Ronny Möckel schilderte den Zustand des öffentlichen Gesundheitsdienstes aus seiner Sicht: kaputtgespart an Personal und Sachausstattung. Zurzeit gebe es rund 800 Amtsärzte, darunter viele in Teilzeit arbeitende Frauen. 35 Prozent der Stellen seien unbesetzt.

Hartmut Siefken
Hartmut Siefken Lokalredaktion, Wilhelmshavener Zeitung