WILHELMSHAVEN - Ein Theaterkritiker hatte recht, als er vor einigen Jahren in der Zeitung 'Die Welt' schrieb: 'Es gibt Stücke, die immer aktuell sind – dieses ist so eines'. Er meinte damit die Inszenierung von Curth Flatows und Horst Pillaus Volksstück 'Mudder is de Beste' (Das Fenster zum Flur). Das Theater am Meer zeigte das Stück in der niederdeutschen Fassung von Altmeister Fritz Wempner am Sonnabend auf der Bühne in der Kielerstraße zum ersten Mal. In der Hauptrolle glänzt Marion Zomerland als resolute Berliner Portiersfrau Anni Wiese.
Sie hat nur einen Wunsch, dass es ihre Kinder später einmal besser haben sollen. Aber es kommt anders. Denn mit der Rückkehr ihrer Tochter Helen (Sandra Krüger) aus Amerika bricht für Anni eine Welt zusammen. Helen bringt ihre Tochter Ann (Lena Nöhmer) mit, die von einem zweifachen Familienvater stammt. Schlag auf Schlag kommt es für die Mutter, die sich nicht nur in ihren vier Wänden um alles kümmert, sondern auch das ganze Mietshaus in Ordnung hält.
Sohn Herbert (Rune Opitz) soll nach Wunsch der Mutter Arzt werden, kann aber kein Blut sehen und die zweite Tochter Inge (Lena-Maria Eden) verdient sich in einer Bar als Kellnerin Geld, was nach Ansicht von Mutter Anni unmöglich ist.
Dann ist da noch Erich Seidel (Harald Schmidt), der früher mal ein Auge auf Helen geworfen hatte. Allerdings funkte ihm Mutter Anni dazwischen, denn Helen sollte es doch mal besser haben. Vater Karl (Heinz Zomerland) ist Straßenbahnfahrer. Er kann fast keine Farben mehr unterscheiden und mus seinen geliebten Beruf aufgeben, kurz bevor er das modernste Modell einer Straßenbahn auf seiner ersten Fahrt mit prominenten Gästen in Dienst gestellt wird.
Zum Schluss kommt dann noch Tochter Inges Freund, der ausländische Musiker Adam (Yannik Marschner), sturzbetrunken zu Besuch. Das alles bringt Anni Wieses Welt durcheinander, aber verhilft ihr auch zu der Einsicht, dass es doch besser ist, sich nicht in alles einzumischen.
Die Akteure des Theaters am Meer nehmen ihre Gäste während der Vorstellung des Stückes, das in fünf Akten aufgeführt wird, mit zurück in die 60er Jahre. Die Nähe der Zuschauer zu den Spielern auf der Bühne ließ eine Art 'Wir-Gefühl' aufkommen. Wieder und wieder waren Kommentare aus den Rängen zu hören, die sich mit der jeweiligen Situation auf der Bühne befassten. Den Schauspielern des Theaters am Meer gelang es in auch in dieser Inszenierung wieder, den Zuschauern das Gefühl zu geben, die Handlung unmittelbar mitzuerleben. Auch Nachwuchstalent Lena Nöhmer, sie spielt Tochter Ann, war von Lampenfieber nichts anzumerken. Profihaft lebte sie ihre Rolle. Das Ensemble erhielt dann auch den verdienten Schlussapplaus. Die Zuschauer spendeten stehend Beifall. Immer und immer wieder mussten sich die Akteure auf der Bühne zeigen.
Das Theater am Meer ist auf Erfolgskurs. Die Besucherzahlen geben dem Team um Bühnenleiter Arnold Preuß recht, der gemeinsam mit Nicolas C. Ducci Regie führte. Beide Regisseure sind gespannt auf die Reaktionen des Publikums in den weiteren Aufführungen, in dem der Zuschauer ja fast mit am Küchentisch der Familie Wiese sitzt und die Irrungen und Wirrungen hautnah miterlebt.
Nicht nur auf der Bühne, sondern auch hinter den Kulissen sind mit Wolfgang Buttjer, Heinz Fuchs (Bühnenbildbau), Thomas Marschner (Bühnenmalerei), Anne Hillers (Inspizientin), Nicolas C. Ducci (Bühnenbild, musikalische Einspielungen, Souffleur), Marianne Karstens (Requisiten), Christel Brandt-Jaedeke, Heidi Strowik (Maske), Heinz Hillers (Beleuchtung), Helga Lauermann und Heidi Strowik (Kostümberatung) Könner aktiv.
