WILHELMSHAVEN - Sehr verehrter Gentleman William Shakespeare, Sie sind im Wilhelmshavener Stadttheater ein gern gesehener Gast. Ihre brisanten, dramatischen Werke wie 'Der Sturm', 'Ein Sommernachtstraum', 'Die Komödie der Irrungen', 'Hamlet', 'Viel Lärm um nichts', 'Titus Andronicus', 'Was ihr wollt', 'Othello', 'Der Kaufmann von Venedig' sowie 'Antonius und Cleopatra' wurden im Laufe von 14 Jahren von der Landesbühne Niedersachsen Nord aufgeführt. Hinzu kommt natürlich die Liebestragödie 'Romeo und Julia', die nach einem Jahrzehnt am vergangenen Sonnabend wieder Premiere im Stadttheater feierte.

Sie schrieben 31-jährig diese, ihre erste große, bis heute die Welt umspannende englische Tragödie über die Liebe, nach vielen Dramen um Macht, Ehrgeiz und Rachsucht. Es gibt Zweifler, die sagen, Sie, William Shakespeare, seien gar nicht der Autor von 'Romeo und Julia'. Doch die Landesbühne und das Publikum stehen hinter Ihnen, es lacht und weint mit Romeo und Julia. Und alle Welt feiert Sie mit dieser großen Liebesgeschichte. Landesbühnen-Intendant Gerhard Hess und Oberspielleiter Olaf Strieb relativieren und sagen: 'Romeo und Julia' sei für junge Leute der Einstieg in die Klassik. Entsprechend kernig und durchsetzt mit vulgärer Asphaltsprache ist die Aufführung, die naturgemäß das Publikum in zwei Lager spaltet, die Jugend sagt prima, die Senioren (sofern sie nicht selbst Pädagogen sind und mit Schülern arbeiten müssen) meinen, da hätte sich Shakespeare in seinem Grab, im Chorraum der Holy Triniti Church umdrehen müssen. Auf dem Gradstein steht der Gedanke: ‚Gesegnet, wer ihn ehrt, den Stein; verflucht, wer rührt an mein Gebein‘. Doch schauen Sie selbst':

Der ‚Eiserne‘ hebt sich und gibt den Blick frei auf 'Romeo und Julia'. Doch bevor sich der Vorhang öffnet, wird das Publikum im voll besetzten Parkett des Stadttheaters mit der Geschichte bekannt gemacht. Dann ist der Blick frei auf ein recht einfallsreiches und zugleich kompliziert wirkendes Bild der Drehbühne mit unterschiedlichen Spielpunkten, die den szenischen Ablauf im Filmschnitt-Charakter ermöglichen. Zunächst aber albern, boxen und streiten sich vier junge Leute wie auf einem Schulhof vor dem Drehensemble. Der verkrampfte Kampf der beiden angesehenen Familien Capulet und Montague aus Verona tritt offen zutage. Es kommt zu rasanten Rangeleien, die noch geschlichtet werden.


Romeo tritt als ruheloser Draufgänger auf, der sich vergeblich um das Mädchen Rosalinde bemüht. Bei einem Maskenball im Haus der Capulets trifft Romeo auf Julia, Tochter der Capulets. Die Blicke der beiden jungen Menschen begegnen sich, die große Liebe ist erwacht. Doch Capulets Eltern wollen ihre Julia mit dem Grafen Paris vermählen. Die Vorbereitungen zur Hochzeit sind so gut wie beendet. Doch Julia wehrt sich, sie fühlt sich mit Romeo verbunden. Es kommt zwischen den beiden Familien zum Streit, in dessen Verlauf Romeo den Tybalt tötet, der zuvor Romeos Freund Mercutio umgebracht hat.

Romeo wird verbannt, und Julia ist verzweifelt, Bruder Lorenzu mischt ihr ein Gift, das sie für viele Stunden tot stellen soll. Sie nimmt es, versinkt in tiefe Ohnmacht und wird für tot erklärt. Romeo hat sich Zutritt zu ihr verschafft, sieht seine Julia aufgebahrt und folgt der Geliebten in den vermeintlichen Tod, die zu spät erwacht ist und nun neben ihrem Romeo aus dem Leben flieht. Ein Schuss beendet die Tragödie. Das Publikum verharrt gebannt, dann bricht sich der anhaltende Beifall die berechtigte Bahn.

Olaf Strieb als Regisseur und Cornelia Brey mit Bühnenbau und Kostüme können diese Inszenierung als Erfolg verbuchen, obwohl sie dem klassischen Text pikante Bonmots in Wort und Ausdruck zugefügt, dabei aber die Handlung selbst nicht verunglimpft haben.

Sicher hätte man das dramatische Ende der Tragödie etwas sichtbarer als im dezenten Hintergrund gewünscht und dafür auf ein paar Szenen der exzellenten Fecht- und Kampfchoreographie verzichtet, mit der die Bühne Dank der Kampfchoreographie von Axel Hambach zu einem Eldorado der Kampfkulturen wurde. Die Kostüme waren eher zeitlos zu nennen, wie auch die Handlung selbst, die von damals vor 400 Jahren bis in die heutige Gegenwart passt.

Das Ensemble wird auch mit den weiteren Vorstellungen das Publikum in seinen Bann ziehen. Es wirken mit: Christian Simon (Romeo), Amélie Miloy (Julia), Sebastian Moske (Bruder Lorenzo), Cino Djavid (Mercutio), André Lassen (Benvolio), Axel Julius Fündeling (Tybalt), Stefan Ostertag (Capulet), Julia Blechinger (Lady Capulet), Jörg Schneider (Montague), Aida-Ira El-Eslambouly (Prinz), Pascal Simon Grote (Paris) und Sibylle Hellmann (Amme).