Wilhelmshaven - Die Stadtbäckerei Siemens blickt am 1. Oktober auf ihr 125-jähriges Bestehen zurück. Dieses Jubiläum will der Familienbetrieb in einer Woche, Sonntag, 8. Oktober, von 11 bis 17 Uhr mit einem Tag der offenen Backstube in Rüstersiel, dem Stammsitz und Gründungsort des Betriebs feiern. In den nächsten drei Wochen dürfen sich die Kunden über verschiedene Aktionen freuen. So soll es Revival-Produkte geben, also Backwaren, die früher oft nachgefragt wurden, aber zwischenzeitlich doch aus den Regalen verschwanden, ein „Jubiläumsbrot 1898“ und verschiedene Rabattaktionen rund um die Zahl 125.
Am 1. Oktober 1898 übernahm Siemen Janssen Siemens die Bäckerei von August Budde mitten in Kniphausersiel, dem nördlich der Maade gelegenen Teil des Doppelsielorts; damals gab es allein in Rüstersiel/Kniphausersiel drei Bäckereien. Der Ort erwachte damals aus seiner verträumten Geruhsamkeit, weil sich nebenan der Kriegshafen entwickelte und im neuen Fort Rüstersiel Soldaten eingezogen waren.
Technischvorn dabei
Als einer der ersten Bäckereibetriebe nutzte Siemens ab 1904 elektrischen Strom, zum Beispiel für den Betrieb moderner Knetmaschinen, die die Arbeit erleichterten und effizienter machten. In den zwanziger Jahren versuchte sich Rüstersiel als Badeort, woraus sich Chancen für den örtlichen Bäcker ergaben. In den 30er- und 40er-Jahren wurden Voslapp und Fedderwardergroden gebaut, der ganze Durchgangsverkehr ging durch Rüstersiel hindurch und am Bäckerladen vorbei. Als die ersten Siedler dort einzogen und die neue Freiligrathstraße noch nicht gebaut war, kamen viele auf dem Weg zur Arbeit in der Werft und auf den Baustellen in der Stadt immer noch durch den Sielort. Da hatte Siemen Janssen Siemens, verheiratet mit Anna Theodore, den Betrieb bereits an seinen Sohn Heinrich Hermann und dessen Frau Henny übergeben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgte die in die Marinebaracken eingezogene Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft für zusätzliche Absatzchancen. Doch immer noch war das Bäckerhandwerk ein kleinteiliges.
Seit 66 Jahrenin Fedderwardergroden
Nach dem Zweiten Weltkrieg existierten in Wilhelmshaven 42 Bäckereien, erinnerte sich Heinrich Johann Siemens, der das Geschäft in dritter Generation ab 1966 weiterführte, vor 25 Jahren, als die Stadtbäckerei Siemens ihr 100-jähriges Bestehen feierte. 1998 waren es immerhin noch 13 Betriebe, heute sind es fünf. Drei davon betreiben mehrere Filialen, und dazu gehört auch Siemens.
Hinter dem kleinen Rüstersieler Bäckergeschäft wuchs ein stattlicher Backbetrieb heran, von dem aus 14 Filialen in Wilhelmshaven, Friesland und Friedeburg beliefert werden. Die erste Filiale war die in der Posener Straße. Hier übernahm die Bäckerei Siemens den Standort eines Kollegen, und zwar am 1. Oktober genau vor 66 Jahren. 1962 wurde das Geschäft in der Marktstraße in bester Lage gegenüber Karstadt eröffnet; ihr Erfolg drückte sich 1971 in der neuen Firma aus: Stadtbäckerei Siemens. Hannelore Baer, geborene Siemens, war hier lange Filialleiterin.
Supermärkte verdrängten „Tante-Emma-Läden“, Großbäckereien machten sich breit, auch im Bäckerhandwerk ging es ums Wachsen oder Weichen. Siemens wuchs, und dabei übernahm die vierte Generation mit Stephan Siemens die Verantwortung. Das war 1991, der groß gewordene Betrieb wurde gleichzeitig in eine GmbH umgewandelt – mit Stephan Siemens als geschäftsführendem Gesellschafter. Der heute 64-Jährige ist Bäcker- und Konditormeister und holte zehn Jahre später seinen Bruder Frank (62) mit ins Geschäft, als der Vater ausschied. Frank ist Sparkassen- und Diplomkaufmann, arbeitete neun Jahre beim genossenschaftlichen Bäckerei-Prüfungsverband Bäko, später dort als Vorstandsassistent, und brachte viel betriebswirtschaftliche Expertise in den weiterwachsenden Betrieb, der heute 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählt, davon 30 in der Produktion und in der Auslieferung.
Viele Mitarbeiterseit langem dabei
Der Geschmack der Kunden änderte sich, die Brot- und Brötchenvielfalt wuchs, frische Snacks sind stark nachgefragt, anderes wie gesüßtes Weißbrot gibt es heute nur noch in vier statt 16 Sorten. Jede Filiale ist heute auch ein mehr oder weniger großes Café, wie das in der Nordseepassage oder das erste Filialen-Café außerhalb Wilhelmshavens in Sande. Der neueste Siemens-Standort befindet sich am Ortseingang von Friedeburg, ein modernes lichtdurchflutetes Gebäude.
Was geblieben ist, sind die langjährigen Mitarbeiter. Produktionsleiter Bernd Liedtke blickt beispielsweise auf eine 40-jährige Betriebszugehörigkeit zurück. Im Familienbetrieb, in dem nach wie vor die Ehefrauen Barbara und Bianca mitarbeiten und sich mit Stephan Siemens Tochter Julia (33), die Konditormeisterin ist, die fünfte Generation in die Nachfolge hineinwächst, legt man auf ein gutes Betriebsklima wert.
So ist der Betrieb als „Familienfreundlicher Arbeitgeber“ ausgezeichnet. Das half, die Corona-Zeit betriebsintern glimpflich zu überstehen. So hat man eine Tagschicht eingeführt, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren und einen Komplettausfall der Produktion zu vermeiden. Die Tagschicht blieb – mit dem Vorteil, dass Teige jetzt länger ruhen, bevor sie verbacken werden, ein Plus an Qualität.
Sponsoringund Ehrenämter
Mit den Mitarbeitern feiert die Familie Siemens am 2. Oktober im Pumpwerk. Am Tag der Deutschen Einheit wird ausgeschlafen. Einen Tag später kommen die „offiziellen“ Gratulanten.
Die Stadtbäckerei Siemens unterstützt als Sponsor Kultur, Sport und Ehrenamt. Stephan Siemens engagierte sich 29 Jahre als Innungsobermeister in der Kreishandwerkerschaft und begleitete manche Umstrukturierung. Er trat dabei in die Fußstapfen seines Vaters, der dieses Amt 24 Jahre ausgeübt hatte.
