Wilhelmshaven - Der Stillstand um die Stadthalle nimmt immer kuriosere Formen an. Nachdem die Stadt Wilhelmshaven auch nach mehreren Anfragen das Gutachten von 2012 nicht finden kann, stellt sich die Frage wie viel und welche Form Asbest nun wirklich in der Stadthalle verbaut wurde? Schließlich wurden 2012 rund 9 Millionen Euro für eine asbestfreie Stadthalle bezahlt.
Eigenartigerweise sagt ein 2014 erstelltes Gutachten laut Julia Muth, Pressesprecherin der Stadt Wilhelmshaven, genau das Gegenteil aus: Nämlich, dass in der Stadthalle durchaus Asbest verbaut wurde. Und auch der ehemalige Stadtbaurat Oliver Leinert erklärte jetzt auf Nachfrage, entgegen seiner damaligen Aussage gegenüber dem WZ-Chefredakteur Gerd Abeldt (15. Dezember 2012), dass in der Stadthalle „natürlich Asbest vorhanden ist“.
Asbest ja oder nein?
Dass 2012 von der Stadt Wilhelmshaven definitiv ein Gutachten in Auftrag gegeben wurde, konnte Oliver Leinert ebenfalls bestätigen. „Vor der Ankaufsentscheidung der Stadthalle hat die GGS 2012 ein Gutachten, zur Bausubstanz in Auftrag gegeben. Hintergrund war, dass es zwei relevante Gerüchte gab: zum einen die Tiefgarage wäre statisch nicht mehr sicher. Zum anderen es wären erhebliche Mengen Asbest verbaut worden – hier war vor allem die Dämmung der Tiefgaragendecke im Verdacht. Beides konnte entkräftet werden“. Das zwei Jahre nach Kauf der Stadthalle in Auftrag gegebene Gutachten von 2014 dokumentiert laut Leinert vor allem den fehlenden Brandschutz, aufgrund dessen seit Ende 2021 keine Veranstaltungen mehr in der Stadthalle stattfinden dürfen – und es dokumentiert vorhandenes Asbest.
Was genau ist also in der Stadthalle an Asbest oder auch an anderen gefährlichen Dämmstoffen vorhanden und warum wurden diese wertmindernden Umstände 2012 nicht explizit in dem von der Stadt in Auftrag gegebenen und zurzeit nicht auffindbaren Gutachten aufgeführt? Warum wurde bisher kein öffentlich-rechtliches Wertgutachten erstellt, um die Stadthalle zum Verkauf ausschreiben zu können und einen Preis für einen eventuellen Verkauf festlegen zu können?
Laut Michael Diers, Geschäftsführer der Wilhelmshaven & Touristik GmbH (WTF), hätte spätestens vor vier Jahren eine Lösung gefunden und eine Ausschreibung erfolgen müssen, damit ein nahtloser Übergang vom Schließen der alten Stadthalle bis zur Öffnung einer neuen gewährleistet gewesen wäre. Das damalig vorgelegte Konzept bzw. Kaufangebot der Rosco-Group aus Bad Hersfeld wurde aber 2018 sang- und klanglos fallen gelassen. Warum? Laut Leinert, weil sich Dennis Rossing von der Rosco-Group danach nicht wieder gemeldet habe.
Dennis Rossing dagegen sah die Stadt in der Pflicht, nach der Vorlage seines Konzepts und Kaufpreisangebots darauf zu reagieren. Dazu Oberbürgermeister a. D. Andreas Wagner: „Die 7,5 Mio Euro der Rosco-Group wären ein schöner Grundstock für eine neue Halle an anderer Stelle gewesen. Wir hätten in 2018 mit den Bauplanungen beginnen können und bis 2020 die alte Halle noch weiter nutzen können.“ Auch die Baupreissteigerungen hätte man damit umgangen.
Heute wäre die neue Stadthalle fertig gewesen und schon längst in Betrieb gegangen. Laut Wagner habe aber der Rat der Stadt 2018 unter Federführung der SPD das Projekt nicht positiv begleitet. Die 9 Millionen (8,5 Mio Euro Kaufpreis zzgl. Nebenkosten) wären weniger als die Restmiete gewesen, die die Stadt Wilhelmshaven laut Mietvertrag sowieso noch hätte zahlen müssen.
Fades Gefühl
Nachdem ein weiterer interessierter Investor aus Gesundheitsgründen seinen für März 2022 angekündigten Besuch bei Stadtbaurat Nikša Marušic bisher nicht antreten konnte, scheint das Projekt Stadthalle erneut auf Eis gelegt worden zu sein. Was bleibt?
Ein allmähliches Dahinsiechen eines 70er-Jahre-Gebäudes in Citylage, Unterhaltskosten von mehreren hunderttausend Euro pro Jahr für ein rund 3000 Quadratmeter großes Areal, das nicht mehr genutzt werden kann und das fade Gefühl, dass auch weiterhin die Potenziale dieser Stadt nicht erkannt, genutzt und umgesetzt werden. Die WTF unter Michael Diers vertraut jedenfalls nicht mehr auf eine zeitnahe Entscheidung. „Wir werden künftig große Künstler nur noch über Open-Air-Veranstaltungen nach Wilhelmshaven holen.“
