Oldenburg - Es ist ein ambitioniertes Ziel, das sich die Glasfaser Nordwest gesetzt hat: Bis 2030 will das Anfang 2020 gegründete Gemeinschaftsunternehmen von EWE und Deutscher Telekom 1,5 Millionen Haushalte und Unternehmen im Nordwesten mit Glasfaser ausstatten – und zwar mit sogenannten FTTH-Anschlüssen (Fibre to the Home – Glasfaser bis in die Wohnung). Bis zu zwei Milliarden Euro sollen bis 2030 investiert werden. Mit den beiden Geschäftsführern des in Oldenburg ansässigen Unternehmens, Andreas Mayer und Arnold Diekmann, haben wir über Fortschritte, Herausforderungen und Kritik gesprochen.
Geschäftsmodell
Glasfaser Nordwest konzentriert sich allein auf den Ausbau des Glasfasernetzes. Das Unternehmen bietet also selbst keine Verträge für Endkunden an. „Wir haben einen Open-Access-Ansatz“, sagt Diekmann. „Das heißt, wir lassen jeden anderen Anbieter, der möchte, bei uns aufs Netz. Und wir sind auch dazu verpflichtet, dies zu den jeweils gleichen Konditionen zu machen.“ Aktuell gibt es nach seinen Angaben Kooperationen mit acht Anbietern: Neben der EWE und der Telekom sind dies die überregional agierende Plusnet GmbH sowie fünf Stadtwerke. Die Glasfaser Nordwest wiederum verdient dann daran, dass diese Anbieter auf dem zur Verfügung gestellten Glasfasernetz Kontingente, also Anschlüsse, kaufen.
Schon die Gründung von Glasfaser Nordwest war immer wieder von Kritik durch Konkurrenten begleitet, die einen fehlenden Wettbewerb befürchteten. Unter Auflagen, etwa Wettbewerber aufs Netz zu lassen und keine öffentlichen Fördermittel in Anspruch zu nehmen, hatte das Bundeskartellamt Ende 2019 allerdings die Freigabe für das Gemeinschaftsunternehmen erteilt.
Nach Beschwerden von Vodafone und der Deutschen Glasfaser hob das Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf diese Freigabe allerdings im Herbst 2021 wieder auf. Aus Sicht des Gerichts war die damalige Begründung für die Freigabe „nicht tragfähig“. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die beklagte Partei, also das Bundeskartellamt, und die beiden Mutterkonzerne EWE und Telekom haben beim Bundesgerichtshof eine sogenannte Nichtzulassungsbeschwerde eingelegt. Diese ist noch anhängig und nicht entschieden. Doch selbst wenn dieses Vorgehen von Kartellamt, EWE und Telekom scheitert und das OLG-Urteil rechtskräftig würde, würde das nicht bedeuten, dass die Glasfaser Nordwest ihren Geschäftsbetrieb einstellen müsste. Stattdessen würde es dann zu einem neuen Freigabeverfahren durch das Kartellamt kommen, womöglich mit stärkeren Verpflichtungen für EWE und Telekom.
Die Glasfaser Nordwest will sich zum Verfahren nicht äußern. Geschäftsführer Mayer sagt: „Wir haben kein rechtskräftiges Urteil und wir sind zu 100 Prozent legitimiert, unsere Netze zu bauen und halten auch an unseren Ausbaumaßnahmen wie geplant fest.“
Ausbau-Fortschritte
„Die 1,5 Millionen Haushalte sind natürlich eine Riesen-Herausforderung, aber wir sind auf einem guten Weg“, sagt Diekmann. Zurzeit sei Glasfaser-Nordwest in 330 Ausbaugebieten, verteilt auf 34 Landkreise und kreisfreie Städte und 121 Kommunen, aktiv. Das Geschäftsgebiet erstreckt sich über das gesamte Weser-Ems-Gebiet, Bremen und Bremerhaven, aber auch in Niedersachsen bis vor die Tore Hamburgs und ins nördliche Nordrhein-Westfalen.
Knapp 700.000 Haushalte seien in der Vermarktung. Das bedeutet, dass Telekom, EWE und Co. dort um Kunden werben und Anwohnerinnen und Anwohner schon Verträge bei den „Open-Access“-Partnern abschließen können. In mehr als 400.000 Fällen sei die Ausbaustufe „Homes Passed“ erreicht. Das heißt, dass die Glasfaserinfrastruktur auf öffentlichem Grund durchgängig bis vor dem privaten Grundstück fertiggestellt ist. Wirklich schon aktiv auf der neuen Infrastruktur surfen würden aktuell mehr als 50.000 Kunden. „Diese Ausbauzahlen machen uns zum drittgrößten Glasfaseranbieter in Deutschland“, sagt Mayer. Davor platziert seien nur noch die Deutsche Glasfaser und die Telekom selbst. „Im Moment ist die Dynamik mit Glasfaserausbau so groß, dass wir die anvisierten 1,5 Millionen Haushalte wahrscheinlich schon vor 2030 erreichen werden“, gibt er sich optimistisch.
Auswahl der Ausbaugebiete
Der Anspruch sei, einen „gesunden Mix“ zwischen dem Ausbau in städtischen Gebieten und auf dem Land hinzubekommen, sagt Mayer. Dabei berechne Glasfaser Nordwest die eigenen Ausbaugebiete selbst anhand von Marktanalysen. Eine feste Größenordnung gebe es nicht. „Wir haben Ausbaugebiete, die umfassen mehr als 10.000 Haushalte, wir haben aber auch kleine, da sind es nur 500.“ Wichtige Kriterien seien etwa, welche Bevölkerungsstruktur vor Ort vorhanden ist, wie dicht die Bebauung ist oder ob womöglich schon Wettbewerber vor Ort unterwegs seien.
Entscheidend sei am Ende, dass es sich wirtschaftlich rechne. „Denn wir bauen rein eigenwirtschaftlich aus“, betont Mayer. Öffentliche Fördergelder nehme die Glasfaser Nordwest nicht in Anspruch. Das heißt aber auch, dass das Unternehmen in sehr ländlichen Gebieten, wo sich ein Ausbau allenfalls unterstützt durch Fördermittel rechne, nicht aktiv ist.
Herausforderungen
Allgemeine Risikofaktoren – bedingt durch Corona und den Angriffskrieg auf die Ukraine – wie Preissteigerungen, Lieferengpässe und die hohe Inflation stellen auch für den Glasfasermarkt eine Herausforderung dar. Die größte Herausforderung für die Branche insgesamt ist aus Sicht von Glasfaser-Nordwest-Geschäftsführer Mayer der Mangel an Fachkräften – insbesondere beim Hausanschlussbau. In Deutschland sei der Glasfasermarkt ja erst vor wenigen Jahren richtig in Gang gekommen. Entsprechend habe es anfangs auch nur wenige Fachkräfte gegeben und diese seien dann zunächst vor allem für den Verteilnetzausbau qualifiziert worden. „Wir sind immer noch in dem Prozess, dass wir für den Hausanschlussbau massiv einen Markt aufbauen müssen“, so Mayer.
Kritik
Störende Baustellen, schlechte Kundenkommunikation, vor allem aber die zuweilen langen Wartezeiten von einem Jahr und mehr bis der bestellte Glasfaser-Anschluss endlich nutzbar ist: Immer wieder hat es in den vergangenen Monaten auch Beschwerden über die Glasfaser Nordwest gegeben. „Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen“, räumt Diekmann ein, wobei er differenziert. Bei aktiven Kunden gebe es so gut wie keine Störungen. „Wenn es einmal läuft, dann läuft es auch sehr stabil“, sagt er.
Allerdings sei es in der Tat in der Vergangenheit immer mal wieder zu Anschaltstörungen gekommen. „An diesen Punkten arbeiten wir deshalb auch mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen“, sagt er. So habe Glasfaser Nordwest etwa im vergangenen Jahr Qualitätsteams aufgebaut, die das Verteilnetz schon im Bau überprüfen, was zu einer deutlichen Verringerung der Fehler im Netz geführt habe. Auch habe man die Kabel im vergangenen Jahr ausgetauscht und stärkere Kompressoren angeschafft, weil es in der Vergangenheit immer mal wieder zu Problemen beim Durchblasen gekommen sei.
In vielen Fällen liege die Ursache für Verzögerungen aber auch nicht bei Glasfaser Nordwest. Mal lägen kommunale Genehmigungen noch nicht vor, mal gebe es Probleme bei der Bodenbeschaffenheit und mal müsse man auch auf die Genehmigung der Immobilieneigentümer warten, im Haus zu bauen. „Gerade bei Mehrfamilienhäusern, noch dazu, wenn es etwa verschiedene Eigentümer gibt und die Leitungen etwa im Treppenhaus verlegt werden müssen, kann der Ausbau durchaus schon komplex sein“, sagt Diekmann.
