Sarve - „Das ist für mich ein gutes Stück Heimat“, zeigt Sönke Schierloh nicht ohne Stolz auf sein erneuertes ehemaliges Bauernhaus an der Sarver Straße, das um 1750 errichtet worden ist. „Es hatte immer ein Reetdach und das gehört für mich auch heute zu diesem Wohnhaus“, fügt der 45-Jährige hinzu. Daher war für den Nordenhamer keine Frage, die alte abgängige Reetbedeckung durch eine neue und keinesfalls durch Dachpfannen zu ersetzen.
Bei Neubauten teurer
„Bei alten Häusern ist eine Reetdach-Erneuerung in der Regel auch nicht teurer als ein Ziegeldach. Nur bei Neubauten sind etwa 20 Prozent mehr für Reetbedachung zu zahlen“, weiß Hans Michael Melius aus Esenshamm. Der 31 Jahre alte Dachdeckermeister hat sich als Reetdachdecker spezialisiert und vor fünf Jahren die in Oberdeich in der Gemeinde Stadland ansässige Firma seines Vaters übernommen. Er beschäftigt zurzeit eine Bürokraft, zwei Auszubildende und fünf Gesellen.
Hans Michael Melius muss sich keine Sorgen um Aufträge machen. Im Gegenteil: Er hat zurzeit einen Vorlauf für Reetdach-Sanierungen von einem Jahr. Das liegt aber nicht an einem Zuwachs der Nachfrage von Hauseigentümern, sondern am Mangel von Fachkräften. So könnte Hans Michael Melius drei bis vier Leute mehr einstellen.
Reetdachdecker haben es, so seine Erfahrung, in der Wesermarsch fast ausnahmslos mit Altbau-Sanierungen und Reparatur und Pflege zu tun. Hans Michael Melius schätzt die Zahl der Reetdachhäuser im Landkreis Wesermarsch auf etwa 500. Er hat die Erfahrung gemacht: Wer ein mit Reet gedecktes Haus besitzt, möchte auf dieses Reetdach nicht verzichten. Vier Dachdeckerbetriebe im Landkreis arbeiten mit Reet.
Die Eltern von Sönke Schierloh, der bei Weser-Metall arbeitet, haben den ehemaligen Bauernhof an der Sarver Straße 1975 gekauft und dort bis 1999 Landwirtschaft betrieben. Sie wohnen weiter dort. Von 1999 bis 2006 hat Sönke Schierloh die Landwirtschaft im Nebenerwerb fortgeführt. Seither sind die Ländereien verpachtet.
Das abgängige alte Reetdach hat Sönke Schierloh mit Bekannten selbst heruntergenommen, eine neue Lattung aufgebracht, den im Original erhaltenen Dachstuhl ausgerichtet und den Wohnbereich gedämmt. Anschließend hat Dachdeckermeister Hans Michael Melius mit Mitarbeitern das Dach komplett neu mit Weser-Reet gedeckt.
Hans Michael Melius bezieht natürlich gewachsenes Weser-Reet von Außendeichsflächen bei Schmalenfleth. Weitere für die Ernte genehmigte Reet-Flächen befinden sich an der Weser. Reichen die Mengen nicht aus, wird Reet aus China hinzugekauft.
Nach den Erfahrungen des Reetdach-Experten möchten fast alle Eigentümer von Reetdachhäusern die Reet-Bedeckung nicht missen, weil ein Reetdach sehr gut in die norddeutsche Landschaft passt und zu einem guten Wohnklima beiträgt. Das Gebäude atme mit einem solchen Dach. Im Sommer werde es im Haus nicht so warm und im Winter könne in Verbindung mit einem Ofen angenehme Wärme erzielt werden.
Viel Pflege nötig
Reetdach-Sanierungen seien zwar nicht teurer als ein neues Ziegeldach. Allerdings müsse mit mehr Aufwand für Pflege und Reparaturen im Laufe der Jahrzehnte gerechnet werden. Heute verlangten nur noch vereinzelte Wohngebäudeversicherer höhere Beiträge für Reetdächer. Bei Neubauten komme ein Reetdach schon deshalb in der Regel nicht in Frage, weil neuere Baugrundstücke zu klein seien, um die Abstandsvorgaben nach der Landesbauordnung einhalten zu können.
