ABBEHAUSEN - ABBEHAUSEN - Prall gefüllte Supermarktregale, Nahrungsmittel zum Sonderpreis und Genussmittel im Überfluss: Der durchschnittliche deutsche Konsument sieht sich einem breiten Angebot gegenüber, das unermesslich erscheint und sich als äußerst günstig anpreist. Mit dem Erntedankfest am vergangenen Sonntag erinnerten die Kirchen und Landvolkvereine daran, dass Nahrungsmittel genauso wenig aus dem Supermarkt kommen wie der Strom aus der Steckdose: „Das Erntedankfest erinnert an die Herkunft der Lebensmittel und damit an die Grundlagen des Lebens selbst,“ sagte Pfarrer Hans-Wilhelm Biermann am Sonntagmorgen im Festzelt bei Udo Venema.
Ernte sei mehr als eingefahrenes Korn und Gemüse. „Ernte ist das Ergebnis vorher erbrachter Leistung. Ohne eigenen Arbeitseinsatz gibt es kein Wachstum und kein Ergebnis“, so Biermann. Daher könnten auch die Feiern zum 50-jährigen Betriebsbestehen von Venema als Erntedankfest verstanden werden.
In vielen Gemeinden waren die Kirchenaltäre mit Früchten aus dem Garten geschmückt. „Der Erntedank-Altar erinnert uns auch daran, dass Einsatz und Leistung nicht alles sind. Aussaat, Wachsen, Reifen, Ernten – all das schärft den Blick für das Wunderbare, das über die ökonomische Verwertung als Nahrungsmittel hinaus in diesem Prozess liegt,“ so Biermann. „Ernte heißt für uns Christen: Teilnahme an Gottes Schöpfung.“
Biermann warnte vor Profitgier, die zu Phänomenen wie dem „Gammelfleisch“ führten. Vielmehr müsse Ertragssteigerung mit Augenmaß und schonender Umgang mit den landwirtschaftlichen Ressourcen gewährleistet werden. Biermann forderte, die Qualität der landwirtschaftlichen Produkte in den Mittelpunkt zu stellen, und einen aufgeklärten Verbraucher, der über seine Essgewohnheiten und sein Konsumverhalten nachdenke.
Für die Landwirte stelle das Erntedankfest den Abschluss des Erntejahres dar. Auch wenn in diesem Jahr die Bedingungen zwischen den Extremen Nässe und Trockenheit gependelt hätten, so seien die Landwirte der Region doch zufrieden mit ihren Erträgen, sagte Georg Lübben, Vorsitzender des Landvolkvereins Abbehausen, gegenüber der NWZ . Die Arbeit der Landwirte werde nach Einschätzung von Lübben von den Konsumenten weitgehend anerkannt. „Allerdings können sich viele die Arbeit nicht mehr vorstellen,“ so Lübben. Denn mit einem romantischen Bild vom Bauern auf dem Lande habe die Arbeit wenig gemeinsam. Die Betriebe müssten sehr marktwirtschaftlich arbeiten und stehen unter einem großen Wachstumsdruck. Für die Marschbauern ergebe sich hier aufgrund der Bodenverhältnisse eine zusätzlich erschwerende Situation, da nicht jedes Gerät zum Einsatz kommen könne.
Die Arbeit der Landwirte steht zwischen den Maximen der hohen Qualitätsanforderung und der niedrigen Preise. Schweinebetriebe könnten mittlerweile wieder gute Preise für ihre Produkte bekommen, sagte Lübben. Die Milchbauern hingegen erhalten Auszahlungen an der unteren Kante des Auskommens. Dennoch schätzt Lübben die Situation nicht hoffnungslos ein: „Es ist spannend, was in der Landwirtschaft passiert. Wir müssen vier, fünf Jahre weitersehen.“ Als Beispiel für eine unerwartete Trendwende nannte er das Aufkommen der Biogasanlagen. „Plötzlich ist Getreide wieder interessant, nachdem die Getreidepreise erst im Keller waren.“ Insgesamt zeigte sich Lübben optimistisch zum diesjährigen Erntedankfest. „Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln ist groß.“
