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Heimatgeschichte Menschlichkeit in schlimmer Zeit

Horst Lohe

ABBEHAUSEN - An das Schicksal belgischer Kriegsgefangener, die in den Jahren 1940 bis 1945 Zwangsarbeit auf Höfen in der Wesermarsch leisten mussten, hat der ehemalige Landwirt Wilhelm Detmers (74) aus Frieschenmoor Dienstagabend in einem Vortrag erinnert. Vor mehr als 60 Zuhörern während eines heimatkundlichen Klönabends des Rüstringer Heimatbundes im Landhotel Butjadinger Tor berichtete er auch über das Verhältnis zu zwei Belgiern, die ausgehungert auf den Hof seiner Eltern in Frieschenmoor gekommen waren. Wilhelm Detmers schilderte, wie seine Familie sich „in einer fürchterlichen Zeit“ um Menschlichkeit bemüht habe.

Er gab auch Informationen aus einer von der Oldenburgischen Landschaft 1992 herausgegebenen Dokumentation mit dem Titel „Belgische Kriegsgefangene im Oldenburger Land 1940 - 1945“ weiter. Danach ist die wichtigste Erkenntnis über das Verhältnis zwischen den Kriegsgefangenen und ihren Arbeitgebern: Man darf nicht vorschnell verallgemeinern.

Andernorts Feindseligkeit

Wörtlich heißt es: „Es gab schlechthin alles: ein gutes, ja kameradschaftliches Verhältnis und Zufriedenheit mit der Arbeit auf beiden Seiten, aber auch ein reserviertes Verhältnis, Unzufriedenheit und Feindseligkeit wiederum auf beiden Seiten.“

Weiter ist in dem Buch zu lesen: „Ein gutes Verhältnis bezeugen besonders die Besuche der Gefangenen an ihren ehemaligen Arbeitsstätten nach dem Kriege.“

Wilhelm Detmers und seine Familie haben nach dem Krieg brieflichen Kontakt gehalten zu den beiden Belgiern, die auf ihrem Hof Zwangsarbeit geleistet hatten. Spätere gegenseitige Besuche festigten ein gutes Verhältnis zueinander.


Wie im Vortrag weiter zu erfahren war, haben Hunger, Durst und mangelnde Hygiene den Kriegsgefangenen während ihres Transports in Lastkähnen und Viehwagen schwer zu schaffen gemacht. Vom Stammlager Sandbostel bei Bremervörde sind anschließend viele auf Arbeitskommandos auch in der Wesermarsch verteilt worden.

Das Stammlager war für 30 000 Gefangene ausgelegt, in Spitzenzeiten aber mit 40 000 belegt. Insgesamt haben etwa zwei Millionen Gefangene das Lager betreten. Es wurde strikt nach Nationalität getrennt. Belgier und Holländer waren nach nationalsozialistischer Rassenideologie besser gestellt. Russen galten als Untermenschen. Etwa 4500 Russen sind durch Fleckfieber-Epidemien umgekommen.

NS-Vorschriften missachtet

Jeder Gefangene bekam eine Stamm-Nummer. Sie durften von den Bauern nicht mit ihrem Namen, sondern nur mit „Kriegsgefangener“ angesprochen werden, durften nicht mit am Tisch der Bauernfamilie sitzen und kein Radio hören. An diese Vorgaben des NS-Regimes haben sich die Bauern aber überwiegend nicht gehalten – auch die Familie von Wilhelm Detmers nicht.

Seine Mutter habe die beiden Zwangsarbeiter so behandelt, wie sie hoffte, dass auch ihr eigener Sohn (der zwölf Jahre ältere Bruder von Wilhelm Detmers) in russischer Kriegsgefangenschaft behandelt werden möge. Später stellte sich heraus, dass der Sohn in Rumänien umgekommen war.

Sein Vater sei 1914 – allerdings nur für wenige Tage – in belgischer Kriegsgefangenschaft gewesen, berichtete Wilhelm Detmers. „Meine Großmutter hat den Belgiern Kraft, Mut und Zuversicht gegeben.“

Der Leiter des heimatkundlichen Klönabends, Hans-Rudolf Mengers, äußerte sich nach dem Vortrag beeindruckt von den Schilderungen von Wilhelm Detmers: „Sie kommen aus einem Haus, wo in Kriegszeiten Menschlichkeit noch etwas bedeutete.“ Die mehr als 60 Zuhörer unterstrichen das mit starkem Beifall.

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