ABBEHAUSEN - Unzählige Male hat Leo Stuhrmann seine alte Heimat Ostpreußen besucht. Er gilt als ausgewiesener Kenner der Region an der Ostsee und ist ein vielgefragter Reiseleiter. Jetzt referierte der Schweier beim Heimatkundlichen Klönabend des Rüstringer Heimatbundes im „Butjadinger Tor“ in Abbehausen.
Das Interesse am Vortrag war groß: Im Saal blieb kein Stuhl frei, und alle zusätzlich heran geschleppten Sitzgelegenheiten waren ebenfalls schnell belegt, so dass die Gäste eng an eng saßen. Es war das zweite Mal in diesem Jahr, dass mehr als 100 Besucher zum Klönabend kamen. Die gewählte Tischordnung lässt bei diesem Andrang kaum noch Platz zum Durchkommen.
Für fast zweieinhalb Stunden Referate abzüglich einer halbstündigen Pause reichte die Konzentration und Geduld nicht bei allen Besuchern, so dass einige auf den zweiten Vortrags des Abends – Hans-Rudolf Mengers berichtete über Auswanderer aus Butjadingen – verzichteten.
Leo Stuhrmanns Vortrag informierte die Gäste über geografische Besonderheiten Ostpreußens, gab Einblicke in die Geschichte des Landes und die Entwicklung der Städte und Regionen. Er erinnerte daran, dass im 1400 gegründeten Königsberg bereits 1525 die erste Universität entstand, an der unter anderem Kant lehrte. Rund herum überwog die Land- und Forstwirtschaft, nur rund um Danzig und Elbing gab es Schwerindustrie. Die Folgen der Wirtschaftskrise von 1929 waren hier am heftigsten zu spüren. Arbeitslose aus den Städten gingen auf Raubzüge über Land, um sich am Leben zu halten, erinnerte sich Leo Stuhrmann, der selbst auf einem Gutshof aufgewachsen ist.
Kopernikus als Europäer
Ostpreußen ist auch das Land von Nikolaus Kopernikus. „Die Polen behaupten, er sei Pole, die Deutschen behaupten, er sei Deutscher. Ich aber sagte: Er war ein Europäer“, sagte Leo Stuhrmann. Herder sei in Ostpreußen geboren und habe die Erkenntnis gehabt, dass Kriege nichts brächten außer Leid, vor allem für Frauen und Kinder. Und gerade die Ostpreußen könnten davon reden, seien doch die Schweden hier eingefallen, Napoleon sei durchmarschiert, die Litauer hätten es überfallen und die Russen Ostpreußen erst 1914 angegriffen und im Zweiten Weltkrieg eingenommen. Nach dem zweiten Weltkrieg seien viele kleine Dörfer zugrunde gegangen oder niedergebrannt, eine Verstädterung habe eingesetzt. Erst jetzt, 20 Jahre nach der Wende, werde wieder vermehrt Kulturland gewonnen, dennoch gebe es noch riesige Flächen Ödland.
Leo Stuhrmann berichtete auch vom Alltag auf dem Gutshof seiner Eltern, wo 64 Menschen lebten. Den Hof verließen sie am 24. Januar 1945 auf der Flucht vor den Russen. Über das Eis der Ostsee ging es nach Danzig, dann die Küste entlang durch Mecklenburg-Vorpommern und Hannover nach Dedesdorf, über die Weser bis nach Esenshammergroden.
Im Eis eingebrochen
Sie hätten zum Glück zwei Hofauffahrten gehabt: Auf der einen seien sie gerade abgefahren, während auf der anderen schon die Russen auf den Hof gefahren seien. Drei Nächte und drei Tage habe er als Zwölfjähriger auf der Flucht nicht geschlafen. Stuhrmann erinnerte in seinem Vortrag an die Toten, die im Eis einbrachen oder von russischen Fliegern bombardiert oder beschossen worden waren. Segensreich sei der Empfang in Dedesdorf gewesen: heiße Milch und Oldenburger Schwarzbrot gab es. „Das vergesse ich denen nie wieder“, sagte er über den herzlichen Empfang an der Unterweser.
Zum Klönen über das Vortragsthema kam es an diesem Abend nicht mehr. Von Gästen mitgebrachte Fotos und ergänzende Kommentare wurden nur im kleinen Rahmen während der Pause ausgetauscht. Hans-Rudolf Mengers sagte, zu gegebener Zeit solle das Thema noch einmal in einem Vortrag aufgegriffen werden, schließlich hätten viele heutige Rüstringer Vorfahren in Ostpreußen. Allein auf die Abbehauser Schule seien nach dem Krieg 80 Kinder aus Ostpreußen gegangen, sagte Mengers.
