V on Hanna Klimpe

Die drei sitzen in der Lobby eines schicken Hotels am Bremer Hauptbahnhof – dort, wo sie sich auch mit ihren Kunden treffen würden. Yvonne und Lara sind hübsch, gepflegt, figurbetont gekleidet, ansonsten aber nicht besonders auffällig. René kommt gerade von der Arbeit und hat noch seinen Anzug an. Yvonne ist Mitte 20 und Krankenschwester, René ein Büroangestellter Ende 40. Lara ist ihre Chefin. Allerdings nicht im alltäglichen Berufsleben, sondern nur nach Feierabend. Yvonne und René haben einen ungewöhnlichen Nebenjob. Sie sind professionelle Escorts.

Ein Escortservice bietet Begleitung gegen Bezahlung, was ein schickes Dinner, einen Theaterbesuch und auch Sex beinhalten kann. Begleitdienste gelten als eine gehobenere Variante der Prostitution, und während Deutschland nach dem Aufruf der Feministin Alice Schwarzer darüber diskutiert, ob Sexarbeit generell verboten werden sollte, sind sich die Escort-Anbieter selbst nicht einig, ob sie sich von der Debatte überhaupt angesprochen fühlen sollen. Kann man Luxusliebesdienste für 200 Euro die Stunde vergleichen mit Zwangsprostituierten in Flatrate-Bordellen?

„Natürlich ist es Prostitution, was sonst?“, sagt René, der seit mehr als 20 Jahren als Escort in Bremen und Hamburg tätig ist. Yvonne dagegen, erst seit wenigen Monaten im Geschäft, sagt: „Für mich ist es nicht dasselbe: Das Niveau ist höher, es geht um mehr Geld, und ich kann mir meine Kunden aussuchen.“ Trotzdem hält sie ihre Tätigkeit gegenüber Freunden und Kollegen geheim, „weil ich Angst habe, in diese Ecke gestellt zu werden“.

„Prostituieren tut sich im Grunde jeder, der seinen Körper einsetzt, um an Geld zu kommen“, sagt Lara, die Agenturchefin von Favorite Escorts. „Aber ich mag den Begriff nicht. Für mich hat Escort immer tolle Dates auf hohem Niveau bedeutet – und ein bisschen Taschengeld. Escort ist für die Frauen durchaus auch ein Vergnügen.“


Begleitservice inklusive Sex ist eine vergleichsweise junge Erscheinung. Gegen Ende der 1990er-Jahre kamen die ersten Dienste in Deutschland auf, begünstigt vor allem die zunehmende Verbreitung von Mobiltelefonen und das Internet. „Vorher gab es nur klassische Bordelle, den Straßenstrich und Anzeigen in Erotikmagazinen, bei denen man seine Festnetznummer angeben musste“, sagt René. „Heute kann man den Erstkontakt unverbindlich übers Netz organisieren, und per Handy ist man permanent erreichbar, unter einer Nummer, die keiner Person zuzuordnen ist. Das ist wichtig, weil fast alle Escorts ein Doppelleben führen.“

Vom Begleitservice leben können nur die wenigsten – trotz Stundenlöhnen von 200 Euro und mehr, wovon allerdings 30 bis 50 Prozent an die Agentur gehen. Bei Escort-Anbietern, die nur Begleitung ohne sexuelle Dienste anbieten, sind die Sätze erheblich niedriger und liegen um die 50 Euro pro Stunde.

Lara hat zeitweise hauptberuflich als Escort gearbeitet, Yvonne hatte in zwei Monaten fünf Kunden, René im Durchschnitt drei bis fünf pro Monat. Lara hat ihre Agentur als Gewerbe angemeldet, ihre Models verpflichten sich vertraglich, ihre Einkünfte als Selbstständige zu versteuern. „Diejenigen, die es hauptberuflich machen, haben oft nicht viel mehr Geld als eine Verkäuferin – aber dafür wesentlich mehr Freizeit“, sagt René. In Metropolen oder Messestädten sei die Nachfrage nach Escort aber wesentlich größer als in Städten wie Bremen oder Oldenburg.

Für Yvonne ist eine hauptberufliche Tätigkeit keine Option: „Ich bin gerne Escort, aber ich bin auch gerne Krankenschwester“, sagt sie. Lara nimmt grundsätzlich keine Frauen in ihre Kartei auf, die nicht auch einen Hauptberuf haben. „Wenn man sich mit 30 karrieremäßig weiterentwickeln will, kann man in seinen Lebenslauf immer reinschreiben: Ich war Krankenschwester. Ich war Escort, kann man seinem Chef nicht sagen.“

Die Frauen, die für sie arbeiten, sind hauptsächlich Studentinnen, für die Escort die angenehmere Alternative zum Kellnern ist, oder Angestellte, die Abenteuer und Verdienst reizen.

Wie Yvonne halten die meisten ihre Tätigkeit privat geheim. So ist die hübsche Krankenschwester zwar auf Fotos auf der Internetseite der Agentur zu sehen – wiedererkennen würde man sie trotzdem nicht, wenn sie vor einem sitzt. Es gibt eine Escort-Yvonne und eine Alltags-Yvonne, die im wahren Leben natürlich auch anders heißt.

Einen Partner hat sie zurzeit nicht. Lara und René hatten während ihrer Escort-Tätigkeiten auch längere Beziehungen. „Manche kommen damit klar, manche weniger gut“, sagt die Agenturchefin. Sie wurde während ihrer achtjährigen Tätigkeit als Escort zunehmend offener im Umgang mit ihrem Job: „Ich habe auf die Frage  ,Was machen Sie beruflich?’ ganz entspannt geantwortet. Negative Reaktionen habe ich eigentlich nie erlebt, die Leute sind eher neugierig.“

René, der sich nur im engsten Freundeskreis outete, empfand das Doppelleben als reizvoll, aber auch als bedrückend. „Die Stigmatisierung des Jobs fand ich schlimm. Man tut doch nichts Schlimmes!“

Was bewegt Menschen dazu, für einen gelegentlichen Nebenverdienst ihren Körper anzubieten? Und gibt es nicht auch in der Edelprostitution unangenehme Kunden und Angstsituationen?

„Der Gedanke, mit meinen Kunden zu schlafen, war mir nie unangenehm“, sagt Yvonne. „Ich mag ältere Männern, die wissen, wie man sich unterhält und eine Frau behandelt. Klar, das Geld ist natürlich ein netter Nebeneffekt.“ Sie ist über ihre beste Freundin, die ebenfalls als Escort tätig ist, auf die Idee gekommen. Und René findet: „Wenn man einmal die Erfahrung gemacht hat, dass man mit Sex etwas erreichen kann, ist der Schritt, es gegen Geld zu machen, viel kleiner, als die Gesellschaft einem weismachen will.“

Ekel oder Angst will keiner der drei bei der Tätigkeit empfunden haben. Auch mit Zuhälterei, Ausbeutung und Zwang sind sie nach eigenen Angaben nie in Berührung gekommen. „Uns liegen keinerlei Erkenntnisse hinsichtlich strafrechtlich relevanter Vorkommnisse im Zusammenhang mit Escort vor“, bestätigt Ines Roddewig, Sprecherin der Polizei Bremen.

Hohe Preise und eine schicke Internetseite allein garantieren aber noch keinen seriösen Anbieter. In jedem Bereich der Prostitution gebe es selbstbestimmte Sexarbeiterinnen ebenso wie Fälle von Ausbeutung“, sagt Undine de Rivière, Sprecherin der Prostituierten-Gewerkschaft „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“. „Es gibt unseriöse Escort-Agenturen, die ihre Kundinnen durch zu hohe Provisionen und schlechte Betreuung ausbeuten“, sagt sie. Begleitservice sei nicht per se eine sauberere Variante der Prostitution.

Woher kommt dann dieser Eindruck?

„Den Kunden eines Escortservice geht es eben nicht nur um Sex“, glaubt Lara. „Das sind in aller Regel erfolgreiche, liierte Geschäftsmänner um die 40, die nach zehn Ehejahren mal wieder ein Abenteuer erleben und hören wollen, wie toll sie sind – und sie wollen auch selbst mal wieder um eine Frau buhlen. Für Sex allein muss man keine 400 Euro zahlen.“

400 Euro für zwei Stunden sind der Standardsatz bei Favorite Escorts, Spesen wie Hotelzimmer, Getränke oder kleine Präsente gehen extra. Pro Monat vermittelt Lara circa 15 Dates. Auch gemeinsame Wochenenden oder sogar Reisen sind bei beiderseitigem Interesse möglich – für viele ist eine Escort-Dame die diskretere und weniger beziehungsgefährdende Alternative zur Geliebten.

Im männlichen Escort-Geschäft geht es weniger um „Liebeskasper“, sagt René. Weibliche Kunden habe er nie gehabt: „Ich habe einen einzigen Anruf von einer Frau gehabt, und die war völlig schockiert, dass sie 120 Euro bezahlen soll.“ Das Geschäft mit käuflichem Sex ist eine der ganz wenigen Branchen, in denen Männer weniger verdienen als Frauen.

Der Anteil männlicher Escorts ist, wie insgesamt im Sexgewerbe, erheblich niedriger als der von Frauen. Renés Kunden sind meist bisexuelle Männer, die ihre Neigungen heimlich ausleben. Seine Kunden schweigen sich oft über ihr bürgerliches Leben aus – wohingegen Lara sich während ihrer aktiven Zeit unzählige Bilder von Familienfeiern und Urlaubsfotos angesehen hat. Schlimm war das nicht. „Diese Männer lieben ihre Frauen und würden sie nie verlassen. Ich glaube nicht, dass ich jemals eine Beziehung zerstört habe.“

Nur ein Fall war belastend: „Ich habe einen Kunden gefragt, ob er diese Woche Lust auf ein Treffen hat, und er sagte: Ich muss noch mal nach Hause, weil meine Frau gerade unser Baby bekommen hat, aber am nächsten Wochenende können wir uns sehen.“

Spätestens nach dem achten oder neunten Date wird es in aller Regel sowohl dem Kunden als auch dem Escort zu persönlich – jahrelange „Beziehungen“ sind selten.

Zu unangenehmen Erlebnissen komme es aber kaum, versichern alle drei. „Das liegt auch daran, dass ich vorher gewisse Dinge abchecke“, sagt Lara. Gut 20 Prozent der Anfragen lehne sie ab, weil sie kein gutes Gefühl habe. „Ich gehe zum Beispiel grundsätzlich ans Telefon bei Anrufen mit unterdrückten Rufnummern, und wenn Männer nach Sex ohne Verhütung fragen, lehne ich kategorisch ab. Und nach dem Date bitte ich die Damen, mich anzurufen und Bescheid zu sagen, ob alles gut gegangen ist.“

Und noch etwas rät sie ihren Frauen: sich bloß nicht zu verlieben: „Escort ist ein tolles Abenteuer, das man zu zweit erlebt. Aber im Privaten hat das nichts zu suchen.“

Deutschland diskutiert über ein Verbot der Prostitution. Doch wo liegt die Grenze
zwischen zwangloser Begleitung und sexueller Ausbeutung? Lara, Yvonne und René von einem Bremer Escort-Service sprechen über Dating, Dinner und Doppelleben.