Grüppenbühren - „Mir sind für einen Moment die Tränen gekommen“, beschreibt Manfred Haas jenen Moment Mitte Januar, als sein Steinadler Gandhi wieder wohlbehalten auf seinem Arm saß. Hinter dem Falkenmeister aus Grüppenbühren lagen zu diesem Zeitpunkt drei bange Monate – drei Monate in der Sorge, dass Gandhi vom Auto angefahren werden, in ein Windrad fliegen oder in eine Hochspannungsleitung geraten könnte. „Wir haben ein sehr, sehr gutes Verhältnis“, sagt der 71-Jährige über die Beziehung zu dem vor 16 Jahren von Hand aufzogenen Vogel.

Das war geschehen: Im Herbst 2013 hatte sich der Jagdfalkner nach einem Unfall einer aufwendigen Rückenoperation unterziehen und die Verantwortung für seine 48 Vögel einer Auszubildenden übertragen müssen. Offenbar saßen die Langfesseln bei Gandhi zu locker; auch Langeweile und die fehlende Jagdmöglichkeit mögen eine Rolle gespielt haben, mutmaßt Haas. Am 25. Oktober war der Adler auf und davon.

Für das Tier begann eine Odyssee durch das gesamte Bundesgebiet. Ornithologen hätten es in Friesland, in Nordrhein-Westfalen, in Baden-Württemberg und in Mecklenburg-Vorpommern gesichtet, berichtet Haas. „Diese Entfernungen sind für einen Adler, der so eingeflogen ist, kein Problem.“ Auf der Großen Höhe hatte Haas stundenlange Spaziergänge mit Gandhi unternommen – er selbst lief, der Vogel flog frei über ihm her. Auch die Jagd in einem von Haas’ Revieren gehörte zum täglichen Trainingsprogramm.

Immer wieder erreichten den Falkenmeister Anrufe, dass sein Adler gesichtet worden sei. Im Januar meldete schließlich Marcel Müller aus Habbrügge, dass ihm ein Adler auf dem Heimweg die Straße versperrt habe. Noch auf dem Weg nach Habbrügge sah Haas das Tier selbst. „Der Adler flog über meinem Auto her“, erzählt der 71-Jährige. Zwar sei Gandhi etwa 15 Minuten um ihn gekreist, doch er habe keine Atzung dabei gehabt, so Haas. Ein herbeigerufener Kollege kam zu spät – Gandhi war längst wieder von dannen geflogen.

Drei Tage später gelang schließlich, was sich Haas mehr als drei Monate lang herbeigesehnt hatte: Nach einem zweiten Anruf aus Habbrügge fand der Falkenmeister sein Tier auf einem Acker. „Ich konnte ihn aufnehmen, als wäre er nie weg gewesen“, beschreibt Manfred Haas diesen bewegenden Moment.


Die Rückkehr des Adlers habe sogar in Fachkreisen für Staunen gesorgt, erzählt Haas. „Aber mein gesamtes Umfeld hat sich riesig gefreut!“ Dafür, dass Gandhi zurückgekommen ist, gibt es aus Haas’ Sicht eine einfache Erklärung: Aufgrund der Handaufzucht halte ihn Gandhi für seine Frau, berichtet der Falkenmeister lachend. „Und jetzt ist Balzzeit.“

Karoline Schulz
Karoline Schulz Redaktion Ganderkesee