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Sturmkatastrophe Als Bäume knickten wie Streichhölzer

Anna Zacharias Unseren Lokalredaktionen

Oldenburger Land - Ehefrau Inge hatte die Kinder bereits auf den Weg zum Schulbus gebracht. Klaus Hoffmann, damals Leiter der Revierförsterei Augustendorf, lag an diesem stürmischen Montagmorgen am 13. November 1972 ausnahmsweise noch im Bett. Kurz nach sieben Uhr kam seine Frau ins Zimmer: „Der Sturm hat die dicke Tanne vor dem Haus umgeknickt!“ rief sie ihm zu und mit einem Mal stand er auf beiden Beinen.

Bunte Buchenblätter werden von den Reifen durch die Luft gewirbelt, als sich der Wagen des Pressesprechers der Niedersächsischen Landesforsten, Rainer Städing, durch den Wald bei den Ahlhorner Fischteichen schlängelt. Ihm folgt ein langer Tross Medienvertreter von Zeitung, Funk und Fernsehen. Städing will der Öffentlichkeit heute zeigen, wie sich die Forstwirtschaft durch den Sturm vor 40 Jahren verändert hat.

Tränen in den Augen

Als Klaus Hoffmann in seinem Garten stand, krachte eine Robinie einen Meter vor seinen Füßen auf den Boden. Orkan „Quimburga“ sollte aber erst zwischen neun und zehn Uhr richtig Fahrt aufnehmen und mit 200 Stundenkilometern über das Oldenburger Land fegen. „Mir standen die Tränen in den Augen“ wird Klaus Hoffmann 40 Jahre später sagen. Als er das Bild der Verwüstung in „seinem“ Wald entlang der Thülsfelder Talsperre sah, begriff der heute 82-Jährige, dass ein Stück seines Lebenswerkes dahin war.

73 Menschenleben und etwa 1,35 Milliarden DM Schaden forderte Quimburga in Minuten. „Es geschah in kurzer Zeit. Es war, als würde der Sturm kurz Luft holen, um dann ruckartig mit enormer Wucht zuzuschlagen. Dann knickten die Baumkronen nur so ab“, erinnert sich Hoffmann.

Städings Wagen hält an einem schmalen Weg mitten im Wald. „Diese Rotbuchen wurden nach dem Sturm gepflanzt. Hier war alles platt“, sagt er und zeigt auf die dünnen Baumstängel, die ordentlich aufgereiht nebeneinander stehen. „Wir sind keine Landwirte. In der Forstwirtschaft dauert alles seine Zeit“, erklärt Städing.

Im gesamten Landkreis Cloppenburg stürzten am 13. November 1972 Häuser ein und begruben Menschen. Bäume blockierten die Straßen, Rettungskräfte und Feuerwehren waren im Dauereinsatz. In den Kreisen Cloppenburg und Vechta wurde Katastrophenalarm ausgelöst. Bereits um 9 Uhr am Morgen waren die wichtigen Bundesstraßen 68, 72 und 213 blockiert. Bergepanzer der Bundeswehr kamen zum Einsatz, um die Straßen wieder zu räumen.


Der Sturm forderte im Kreis Cloppenburg auch Todesopfer: In Lastrup-Schnelten riss der Sturm das Dach eines großen Viehstalls aus der Verankerung, Landwirt Josef Schulte, der im Stall beschäftigt war, wurde von den herabstürzenden Balken erschlagen. Auch ein Altenoyther Fahrlehrer kam ums Leben.

In Delmenhorst wurden 400 Quadratmeter des Daches der Handelslehranstalten von dem Sturm herausgerissen. An der Langen Straße riss der Sturm die gesamte Verkleidung des Dachs eines Textilhauses ab. Die Konstruktion schleuderte auf die neu gepflasterte Fußgängerzone.

Im Kreis Friesland war der Schweinebrücker Fuhrenkamp, ein Wald bei Zetel, besonders betroffen. Insgesamt sind in der Revierförsterei 40 000 Raummeter Holz angefallen durch Bruch, doppelt so viel wie sonst in einem Jahr geschlagen werden. In Zetel zerstörte der Sturm sieben Verkaufszelte auf dem Zeteler Markt, wo die Stimmung am Marktmontag auf den Nullpunkt sank.

Der Sturm machte auch vor dem Schornstein die Kornbrennerei Kolloge in Wildeshausen nicht halt und verkürzte ihn von 32 auf 16 Meter. Die herabfallenden Ziegel durchschlugen das Pflaster des Fußwegs. Für den Betrieb war das fatal: Weil fast der komplette Maschinenpark der Brennerei noch über Dampfenergie betrieben wurde, die aber wegen des verkürzten Schornsteins nicht mehr einsetzbar war, wurde das Produzieren von Alkohol eingestellt.

„Der erste Tag der Aufräumarbeiten war deprimierend“, erinnert sich Klaus Hoffmann. Was innerhalb von 20 Minuten zerstört wurde, musste in den Jahren danach mühselig aufgeforstet werden. Viele Haushalte hatten weder Strom noch Telefon.

22 tödliche Unfälle ereigneten sich im Zuge der Aufarbeitung der Sturmschäden im Staats- und Privatwald in Niedersachsen – durch in Spannung befindliches Holz, Motorsägen oder umstürzende Schlepper bei Fällarbeiten.

Vorbilder für Veränderung in der Forstwirtschaft kamen aus Skandinavien. Hoffmann reiste nach Schweden und war beeindruckt von der Sicherheitsausrüstung für Waldarbeiter und die sogenannte Nasslagerung – vier Jahre lang bewässerte Hoffmann 24 000 Festmeter Holz, damit es nicht durch Käfer oder Pilze geschädigt würde.

Aus Schäden gelernt

„Wir haben aus den Schäden gelernt“, sagt Städing. Nicht nur die Ausrüstung wurde verbessert. Das Walderneuerungsprogramm für die Sturmflächen sah auch mehr Ausgewogenheit zwischen Laub- und Nadelhölzern vor. Fichten, Kiefern und Lärchen wurden zum Teil durch Eichen und Buchen ersetzt. „Wir mischen die Wälder und bauen sie damit stabiler auf“, erzählt Städing.

Wann ihm das Ausmaß der Zerstörung bewusst wurde? Klaus Hoffmann lässt den Blick über den Boden wandern. „Kopf hoch und durch, mehr ging nicht. Das wird einem erst später bewusst. Aber als ich mir jetzt wieder die Bilder angesehen habe, war es, als wäre das alles gestern gewesen.“

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