Oldenburg - Oldenburgs damaliger Oberbürgermeister Gerd Schwandner schien eine Vorahnung zu haben, als er das Rednerpult betrat: „Der Name des Spiels ist Oldenburg gegen New York, aber Oldenburg wird gewinnen“, rief er den Aktionären in der Oldenburger EWE-Arena entgegen.
Oldenburg, das war der Oldenburger Fotodienstleister CeWe Color (heute Cewe Stiftung & Co. KGaA), größter Fotodienstleister Europas, 3000 Arbeitsplätze, regional fest verwurzelt. New York, das waren mehrere US- Finanzinvestoren, die mit aggressiven Methoden versuchten, die Cewe-Führung zu entmachten und eine üppige Sonderausschüttung herauszuschlagen.
Der schon monatelang andauernde Machtkampf gipfelte genau vor zehn Jahren, am 27. April 2007, in der wohl turbulentesten und spannungsgeladensten Hauptversammlung, die die Region bis dahin erlebt hatte. „Das Ganze erinnert mich an zwei Züge, die ungebremst aufeinander zurasen“, sagte damals etwa Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).
NWZ vom 27. April 2007 (ePaper-Archiv)
Von analog zu digital
Was war geschehen? CeWe Color steckte damals mitten im Transformationsprozess von der analogen zur digitalen Fotowelt. Um den Übergang zu meistern, wollte und musste der Fotodienstleister investieren und warb aktiv um Investoren. Auf offene Ohren stieß der börsennotierte Mittelständler dabei auch in den USA. Mehrere Hedgefonds, vom damaligen SPD-Chef Franz Müntefering 2005 als „Heuschrecken“ gegeißelt, stiegen bei CeWe ein, unter ihnen auch der New Yorker David Marcus und sein Fonds Marcap sowie K-Capital Partners aus Boston.
Begleiteten Marcus und Co. den Kurs der CeWe-Führung um den Vorstandsvorsitzenden Rolf Hollander und Aufsichtsratschef Hubert Rothärmel anfangs noch konstruktiv, gingen sie ab Ende 2006 auf Konfrontationskurs. Marcus forderte eine Sonderausschüttung von fünf Euro je Aktie – und das über mehrere Jahre. CeWe sei „überkapitalisiert“, sagte er damals dieser Zeitung. Dem Management warf er „Versagen“ vor. Hollander sei konzeptlos und habe den digitalen Wandel verschlafen. Die Hedgefonds forderten die Ablösung des Vorstandschefs und von vier Aufsichtsräten. Zudem warfen sie Hollander und Rothärmel nach einem zufällig abgehörten Telefonat auch noch eine Manipulation des Aktienkurses vor.
Hollander wies die Vorwürfe, dass CeWe viel zu spät in die Digitaltechnologie investiert habe, als „geradezu lächerlich“ zurück. Die CeWe-Führung und auch der Betriebsrat warnten davor, dass die Hedgefonds mit ihrer Forderung nach der üppigen Sonderausschüttung, die CeWe insgesamt 120 Millionen Euro kosten würde, den Fotodienstleister ausplündern wollten und damit zahlreiche Arbeitsplätze und die Zukunft des Unternehmens aufs Spiel setzten würden. Die CeWe-Führung schlug eine Dividende von 1,20 Euro vor.
Der Machtkampf sollte dann am 27. April 2007 auf der Hauptversammlung seinen Höhepunkt erreichen. Von einem „Showdown“ war die Rede, die Wochenzeitung „Die Zeit“ sprach gar vom „Kampf der Kulturen“. Fanden sich auf früheren CeWe-Hauptversammlungen 300 Aktionäre im feinen Bremer Park Hotel ein, so strömten dieses Mal mehr als 1000 Aktionäre in die EWE-Arena.
Schon vor der Versammlung war absehbar, dass es ein enges Duell geben würde. Die Hedgefonds, angeführt von Marcus und dem umtriebigen Firmenjäger Guy Wyser-Pratte konnten auf mindestens 30 Prozent der Stimmen zählen. Die CeWe-Führung konnte sich dagegen auf die Erbengemeinschaft des Firmengründers Heinz Neumüller als größtem Aktionär (Anteil: 27,1 Prozent), die NordLB und einige kleinere Fonds stützen – zusammen rund 40 Prozent. Zünglein an der Waage waren also die Kleinaktionäre und kleine Investorengruppen.
Früh zeichnete sich ab, dass die Zeichen nicht auf Versöhnung, sondern auf Konfrontation stehen würden. „Sie haben alles Augenmaß verloren. Aufsichtsrat und Vorstand sollten zurücktreten“, forderte Sebastian Freitag als Vertreter der Hedgefonds. Als er den Vorstand mit 78 Fragen geradezu bombardierte, erntete er Pfiffe, Buh- und „Aufhören“-Rufe aus dem Publikum. Hollander erteilte den Forderungen unter anhaltendem Beifall dagegen eine Absage. „Sonderausschüttungen sind nicht angebracht und nicht möglich, wir brauchen die Finanzressourcen für die Zukunft“, sagte er.
Mehr als zwölf Stunden sollten sich beide Seiten duellieren. Um kurz nach 22 Uhr brandete dann noch einmal Beifall auf, als das Abstimmungsergebnis verkündet wurde. Mit 58 Prozent der Stimmen wurden Vorstand und Aufsichtsrat gestützt.
Eine Riesenerleichterung
„Das war schon eine Riesenerleichterung“, sagt der damalige Aufsichtsratschef Rothärmel heute, zehn Jahre später, rückblickend. Man habe schon „einige Blessuren“ davongetragen, am Ende war es aber „ein großer Sieg“.
Fragt man den damaligen und noch immer amtierenden Vorstandschef Hollander, welche Lehre er aus der Auseinandersetzung gezogen habe, sagt er nur zwei Worte: „Bleib standhaft!“ Auch rückblickend habe sich gezeigt, dass eine nachhaltige Entwicklung für den Konzern weit besser war als der kurzfristige Erfolg.
Aktuelle Zahlen geben ihm Recht. Anders als andere einstige Branchengrößen, wie Agfa oder Kodak, sind die Oldenburger immer noch am Markt – und das sehr erfolgreich. 2016 konnten Umsatz und Gewinn zum wiederholten Mal gesteigert werden. Der Kurs der Cewe-Aktie hat sich seit 2007 mehr als verdoppelt. Die Dividende soll in diesem Jahr auf 1,80 Euro steigen – die achte Erhöhung in Folge.
Die Hedgefonds dagegen zogen sich schon bald nach der Abstimmungsniederlage zurück. David Marcus musste seinen Fonds im Zuge der Finanzkrise schließen und hat mittlerweile ein neues Fondsunternehmen, Evermore Global Advisors, gegründet. Einen großen Erfolg konnte er indes auch 2007 noch feiern – allerdings in Omaha (Nebraska) statt Oldenburg. Am Rand der Hauptversammlung von Berkshire-Hathaway, der Anlagefirma von Investmentlegende Warren Buffett, gewann er das Rippchen-Wettessen.
