AMMERLAND - Am Krisentelefon bleiben Anrufer und Berater anonym. Einige Gespräche dauern länger als eine Stunde.
Von Horst Suermann
AMMERLAND - Die Statistik ist eindeutig: Im sechsten Jahr des Bestehens ist die Nachfrage nach dem „Krisentelefon“ des Landkreises Ammerland fast schlagartig gestiegen. Rund 220 Gesprächsprotokolle schrieben die ehrenamtlichen Helfer dieser Einrichtung im vergangenen Jahr – fast dreimal soviel wie 2005. „Und darauf sind wir schon etwas stolz“, wie Kreisjugendpfleger Volker Gudlat gestern in einem Gespräch mit der NWZ berichtete.Das „Krisentelefon“ unter der einheitlichen Rufnummer 0800/26 222 26 ist ein Service, den es so lokal in keinem anderen Landkreis gibt. Es baut ganz auf die Mitwirkung ehrenamtlicher Helfer (siehe Info-Kasten) und ist täglich von 14 bis 22 Uhr kostenfrei zu erreichen. Zum Team gehören mit der Diplom-Pädagogin Monika Riek und dem Diplom-Psychologen Werner Folkers zwei Kinder- und Familien-Therapeuten, die die Helfer ausbilden und unterstützen.
Die Einrichtung war 2001 gegründet worden, lief anfangs rund um die Uhr und hatte damals etwa 40 Anrufe pro Jahr. Diese Zahl steigerte sich 2002, fiel unter dem Einfluss zahlreicher Störanrufe von offenbar jugendlichen Handy-Besitzern 2003 stark ab und steigt seitdem ständig an. Ob diese Entwicklung wachsenden Bedarf widerspiegelt oder von unterschiedlich starker Werbung abhängt, können auch die Berater selbst nicht genau sagen. Tatsache ist, dass der Aufschwung einhergeht mit einer neuen „Visitenkarte“ unter dem Motto „Reden tut gut – trau dich!“. Diese Visitenkarten liegen an mehr als 200 Stellen aus, u. a. bei der Polizei, in Arztpraxen, in der Ammerland-Klinik und in anderen öffentlichen Gebäuden.
Die Anrufer kommen mit den unterschiedlichsten Problemen. Häufig sind es Beziehungs- oder Alkoholprobleme in der Familie, wie eine der anonymen Helferinnen berichtet, oft auch Sexualprobleme und Mobbing (vor allem bei Jugendlichen), gelegentlich ungewollte Schwangerschaften, schwere Depressionen oder Gewalt. Manchmal dauert ein Beratungsgespräch wenige Minuten, manchmal länger als eine Stunde. Immer bleiben beide Gesprächspartner anonym.
Schätzungen zufolge kommen je ein Viertel der Anrufe von Jugendlichen und Senioren, zwei Viertel „von Menschen, die mitten im Leben stehen“.
