Amsterdam/Westerstede - Die Anleger lecken ihre Wunden: Mancher Aktionär, der am Freitag zu der Hauptversammlung nach Amsterdam gereist war, sitzt auf horrenden Verlusten: Die Aktie war Ende 2015 zu fünf Euro in den Frankfurter Handel aufgenommen worden. Am Freitag blieben davon – ganz nahe am Allzeittief – noch 18 Cent. Das war naturgemäß ein Hauptgesprächsthema am Rande des Aktionärstreffens.
Das Management der angeschlagenen Steinhoff Holding International versuchte derweil, nach vorn zu schauen: Der in einen Bilanzskandal verwickelte südafrikanische Möbel- und Handelskonzern mit Wurzeln in Westerstede will sich neu aufstellen, um einen Weg aus der Krise zu finden. Bei der Hauptversammlung in einem Konferenzhotel sprach die Aufsichtsratsvorsitzende Heather Sonn von einer „Krise von massivem Ausmaß“. Der krisengeschüttelte Möbelhändler hofft aber auf eine interne Aufarbeitung des Bilanzskandals bis zum Jahresende.
Die Unternehmensberatung PwC, die mit der Untersuchung beauftragt wurde, werde ihre Überprüfung voraussichtlich bis Ende 2018 abgeschlossen haben, teilte das Management mit. Unklar blieb, ob der Bericht in vollem Umfang oder nur in Teilen veröffentlicht wird. Dann soll auch die noch ausstehende und testierte Bilanz für das Ende September abgelaufene Geschäftsjahr 2017 vorgelegt werden.
Finanzielle Stabilität und eine Senkung der Schulden nannte Steinhoff auf der Versammlung als Hauptprioritäten. Ende März beliefen sich die Schulden in der Gruppe auf 10,4 Milliarden Euro. Geld in die klammen Kassen soll unter anderem der Verkauf von Firmenwerten bringen. Für Mai ist eine Gläubigerversammlung angesetzt. Allein in Europa gehörten bis zu 150 Banken zu den Gläubigern – das ändere sich nun.
Steinhoff streamte die Konferenz live nach Kapstadt in Südafrika, wo die meisten Anteilseigner leben. Vor dem dortigen Konferenzzentrum demonstrierten Mitglieder von Arbeitnehmerverbänden gegen den Konzern. „Finger weg von unseren Renten“, stand auf den Postern.
Hintergrund ist auch: Zu den größten Anteilseignern der Steinhoff Holding International – so der offizielle Name – gehört ein südafrikanischer Pensionsfonds.
In Amsterdam sagte Sonn vor etwa 200 Anlegern, die Gruppe sei bei der Aufarbeitung der Krise auf einem guten Weg: „Ich kann berichten, dass gute Fortschritte erzielt wurden.“ Bis heute hätten die Experten Hunderttausende Dokumente überprüft und unzählige Gespräche mit den Beteiligten geführt. Steinhoff zufolge sind dabei bestimmte Muster bei Transaktionen festgestellt worden, die über einen Zeitraum von mehreren Jahren dazu geführt hätten, dass Unternehmenswerte und Gewinne deutlich überhöht dargestellt wurden.
Der Bilanzskandal hatte Steinhoff schwer erschüttert. In verschiedenen Ländern wird gegen den Konzern ermittelt. Auch in Deutschland stehen Anwälte in den Startlöchern, um Anleger zu vertreten. Binnen eines Jahres wurden durch den so verursachten Kursverfall der größte Teil des einstigen Börsenwertes vernichtet. Seitdem kämpft das Unternehmen, das in Deutschland auch durch die Kette Poco (u.a. Oldenburg) bekannt ist, um Schadensbegrenzung und Sicherung des laufenden Geschäftes.
Bei der Hauptversammlung gab das Management einen ersten Überblick. Demnach beziehen sich die Ermittlungen der deutschen Justiz – wie mehrfach berichtet seit 2015 von Oldenburg aus – in erster Linie auf die Konditionen der Übernahme der Poco-Kette. Am 25. April sei eine erste Anhörung angesetzt. Steinhoff hat nach eigener Darstellung korrekt gehandelt, als sie Poco in ihrem 2016er Abschluss konsolidiert hätten. Bei Poco ist Steinhoff nicht der einige Gesellschafter.
Steinhoff steckt seit Ende 2017 in der Krise, als die Ermittlungen wegen Bilanzunregelmäßigkeiten begannen. Steinhoff-Chef Markus Jooste, der mit dem Konzern einen rasanten Wachstumskurs gefahren war, musste gehen. Seither ist er quasi abgetaucht.
Die weltweit tätige Gruppe mit ihren 150 000 Mitarbeitern zeigt sich nach eigenen Angaben kooperativ bei der Aufarbeitung der Krise. Den Angaben zufolge sollen bereits 4,4 Millionen Akten geprüft worden sein.
