Apen - Monika Schaa kann nur Gutes über ihren Aper Orthopäden berichten. „Er ist ein ganz wunderbarer Arzt.“ Die 77-Jährige war wegen ihrer Knieprobleme zum Orthopäden gegangen. Er habe sich bei der Sprechstunde sehr viel Zeit für sie genommen. Monika Schaa bekam eine Überweisung für eine Untersuchung durch die Magnetresonanztomografie (MRT), ein Rezept für Krankengymnastik und Tipps, was sie sonst noch tun könne. Nach dem MRT-Termin Anfang September sollte sie wieder zu ihrem Orthopäden zum Anschlussgespräch, bevor sie im Krankenhaus operiert werden würde.
Da gingen die Probleme los. „Ich habe oft versucht, jemanden in der Praxis zu erreichen“, erzählt sie. Irgendwann sei sie einfach hingefahren, um einen Termin zu machen – Ende November hätte sie einen bekommen können.
Der Bedarfsplan der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) sieht im Ammerland einen Orthopäden für 26 374 Einwohner vor.
Bei der Bedarfsplanung unterscheidet die KVN zwischen Haus- und unterschiedlichen Fachärzten.
Im Februar 2018 gab es 6,5 Orthopäden (einer der Orthopäden besetzt eine halbe Stelle) bei 123.117 Einwohnern. Damit ist der Landkreis zu 139,2 Prozent versorgt.
Als überversorgt gilt ein Gebiet ab einem Versorgungsgrad von mehr als 110 Prozent. Ist das der Fall, wird das Gebiet für neue Ärzte gesperrt. Aus dem jeweiligen Fachgebiet darf sich dann kein Arzt dort niederlassen.
Ein Gebiet wird für weitere Ärzte geöffnet, wenn die Einwohnerzahl stark steigt oder ein Arzt oder mehrere Ärzte ihre Zulassung abgeben. Als unterversorgt gilt ein Gebiet, wenn der Versorgungsgrad weniger als 50 Prozent beträgt.
So lange wollte Monika Schaa nicht warten. Also hakte sie nach: Könnte denn nicht außerhalb der Sprechzeiten ein Termin gemacht werden? Nein, denn: In Apen hat der Orthopäde nur eine halbe Stelle, Sprechzeiten lassen sich nicht ändern.
Warum das so ist, erklärt Oliver Lindner von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, Bezirksstelle Oldenburg, auf Nachfrage der NWZ. Er ist dort der Leiter des Geschäftsbereich Vertragsärztliche Versorgung.
Entscheidend sei das Verhältnis von Ärzten und Einwohnern. Bei den allgemeinen Fachärzten, zu denen auch Orthopäden gehörten, würden die Gebiete in Landkreise und kreisfreie Städten eingeteilt. Basierend auf der Einwohnerzahl und weiteren Faktoren, wie etwa der Altersstruktur, werde der Bedarf ermittelt.
Bis 2016 hätten sechs Orthopäden im Ammerland praktiziert. Der Bedarf sei, so Lindner, bis dahin zu mindestens 110 Prozent gedeckt und damit für neue Ärzte gesperrt gewesen (siehe Infokasten). Die Zahl der Einwohner werde zwei Mal pro Jahr fortgeschrieben, im Ammerland sei sie gestiegen. „2016 lag der Versorgungsgrad im Ammerland mit 109,2 Prozent knapp unter der Überversorgung“, teilte Oliver Lindner mit. Deshalb konnte der Landkreis für einen weiteren Orthopäden geöffnet werden. Da der Versorgungsgrad nahe der Überversorgung lag, wurde allerdings nur eine halbe Stelle ausgeschrieben, auf die sich der jetzige Orthopäde beworben hatte.
Jeder Arzt habe die freie Wahl, wo er sich niederlassen möchte. „Ein Arzt ist gut beraten, sich eine Region auszusuchen, die nicht so gut versorgt ist“, so Lindner. Dem Orthopäden wurde empfohlen, sich in Apen niederzulassen; dafür entschied er sich auch.
Dass trotz der jetzigen Überversorgung viele Patienten weitere Wege auf sich nehmen müssten, sei bekannt, so Lindner. Bei Fachärzten seien jedoch längere Wege zumutbar. Patienten müssten sich in solchen Fällen hinbringen und abholen lassen oder den Öffentlichen Nahverkehr nutzen.
Monika Schaa hat sich selbst um die weitere Behandlung gekümmert. Ihrem Orthopäden gibt sie keine Schuld, dass die Wartezeit so lang und die Erreichbarkeit schwierig sei. „Aber jeder regt sich darüber auf“, sagt sie, „und ich finde, man muss Bescheid wissen, dass der Arzt nur eine halbe Stelle hat.“ Deswegen sei es eben manchmal schwierig, die Praxis zu erreichen oder einen zeitnahen Termin zu bekommen.
