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Aufruf Nur die Tischdecke ist als Erinnerung geblieben

Atens - Sie ist weg! Schlimmer hätte es für Margarete Hilgen nicht kommen können, als sie ihre Tischdecke aus der Reinigung abholen wollte. Gemeinsam mit den Mitarbeitern der Wäscherei des CVJM-Sozialwerks suchte sie den Laden ab. Eine zweite Tischdecke, die sie ebenfalls abgegeben hatte, fand Margarete Hilgen in einem Stapel anderer Decken, doch ausgerechnet das Familienerbstück fehlte.

Bewegte Geschichte

„Wir haben alle Pakete noch einmal geöffnet und über 100 Kunden angerufen“, sagt Janine Dieckmeyer, Teamleiterin beim CVJM-Sozialwerk in Nordenham. Aber die Tischdecke blieb verschwunden. Für Margarete Hilgen ist es jedoch nicht irgendeine Tischdecke, das Familienerbstück hat eine bewegte Geschichte.

Es muss etwa 1924 oder 1925 gewesen sein, als die Großmutter von Margarete Hilgen, Maria, die Damasttischdecke für ihre Aussteuer bekam. „Meine Großmutter war das jüngste Kind in der Familie. Ihre Aussteuer wurde von einem älteren Bruder bezahlt“, erzählt Margarete Hilgen.

Die Familie lebte in Paderborn, als am 27. März 1945 ein Bombenangriff auf die Stadt verübt wurde. Dabei wurde das Haus der Familie völlig zerstört. Bis auf Marias Tochter Cläre, Margarete Hilgens Mutter, kamen dabei alle ums Leben.

Die damals 17-jährige Cläre arbeitete während des Angriffs in einer Apotheke in der Innenstadt. Sie konnte sich in einen Keller retten und erst am nächsten Tag zu ihrem Elternhaus zurückkehren. Aber noch bevor sie dort ankam, wurde sie von einem Freund abgefangen, der ihr sagte, sie solle nicht weiter gehen. Die Familie sei tot, das Haus zerstört.


Was nicht durch die Bomben vernichtet worden war, füllte lediglich zwei Koffer, die der Freund gerettet hatte und Cläre übergab. Doch damit nicht genug. Einer der beiden Koffer wurde ihr auch noch gestohlen. Nur mit dem, was sie am Leib trug, und dem einen übrig gebliebenen Koffer, kam sie bei Verwandten auf dem Land unter.

In dem Koffer waren die Papiere für das Elternhaus, ein wenig Besteck und Geschirr, das noch heute in Familienbesitz ist, und eben die weiße Damasttischdecke. „Das ist alles, was meiner Mutter von der Familie geblieben ist“, sagt Margarete Hilgen.

Umso mehr freute es Margarete Hilgen deshalb, mit dem Erbstück bei der Hochzeit ihrer eigenen Tochter am 1. Juli den Tisch schmücken zu können. Einen weiteren Tisch zierte die Decke von Margarete Hilgens Schwiegermutter. „So waren beide Familien vertreten“, sagt sie.

Obwohl sie ihre Tischdecken eigentlich immer selbst wäscht, entschied sie sich dieses Mal dafür, sie in die Reinigung zu bringen. „Sie war so schön gestärkt. Die Decke ist noch tipptopp. Als ob sie frisch gekauft wäre“,sagt sie.

In Tränen ausgebrochen

Als Margarete Hilgen die Tischdecke aus der Wäscherei abholen wollte, war diese jedoch nicht aufzufinden. „Ich war geschockt und bin in Tränen ausgebrochen“, erzählt die 65-Jährige. Sie und das CVJM-Sozialwerk setzen nun alles daran, die Tischdecke wieder zu finden.

Die Mitarbeiter der Wäscherei bitten alle Kunden, noch einmal in ihren Schrank zu schauen und ihre Wäsche nach der Tischdecke zu durchsuchen. „Wir gehen davon aus, dass sie versehentlich in ein Paket für einen anderen Kunden geraten ist“, sagt Janine Dieckmeyer.

Die Wäschestücke werden in der Wäscherei mit einem Barcode versehen, der normalerweise nicht von allein ablösbar ist. In diesem Fall wurde die Markierung jedoch falsch herum angebracht und löste sich beim Waschen. Das Wäschestück konnte, wie einige andere Teile, nicht mehr zugeordnet werden.

Die vermisste weiße Damasttischdecke ist etwa 1,20 mal 2 Meter groß und hat ein Muster. Auffälligstes Merkmal ist jedoch ein Monogramm: ein Oval mit zwei kleingeschriebenen „m“.

Die Tischdecke wurde am 10. Juli in der Wäscherei abgegeben. Am 19. Juli wurde das Fehlen der Decke bemerkt. Wenn jemand die Tischdecke zwischen seinen Wäschestücken findet, wird er gebeten, sich direkt an die Wäscherei, die an den Bunten Laden angeschlossen ist, in der Atenser Allee 115 zu melden. Ansprechpartnerinen sind auch CVJM-Teamleiterin Janine Dieckmeyer ( t 938922, E-Mail: janine.dieckmeyer@sozialwerk-wesermarsch.de) in der Wäscherei und Susanne Schön ( t  96910, E-Mail: info@sozialwerk-wesermarsch.de) in der Zentrale des CVJM-Sozialwerks.

Merle Ullrich
Merle Ullrich Redaktion Brake
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