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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Auf dem Greta-Pfad

14.09.2019

Auf der Strecke von Hamburg nach Dänemark veranstaltet die Bahn von Zeit zu Zeit eine lustige Variation ihres Spiels mit dem Namen „Heute in geänderter Wagenreihung“. Gewöhnlich wird dabei den wartenden Fahrgästen auf dem Bahnsteig unmittelbar vor Eintreffen des Zugs mitgeteilt, dass die Waggons nicht an den zuvor angekündigten Gleisabschnitten halten, sondern jeweils am genau entgegengesetzten Ende, was regelmäßig ein sehenswertes Gedränge auf dem Bahnsteig auslöst.

In der Variante des IC 386 dagegen lassen die Spielleiter die Fahrgäste zunächst einsteigen und ihre Sitze finden. Haben sie dann ihr Gepäck verstaut und Platz genommen, ändern sich die draußen am Display angegebenen Wagennummern: Waggon 72 befindet sich plötzlich am Ende des Zugs, Waggon 82 ganz vorn usw.

Eigentlich egal, könnte man meinen, es sitzen ja alle. Doch das wäre zu einfach. Denn zum einen verwickeln später eingestiegene Fahrgäste die bereits sitzenden in lebhafte Diskussionen, in welchem Waggon man sich befinde und wem die Plätze zustünden. Zum anderen hat der vordere Zugteil ein anderes Ziel als der hintere; in Fredericia werden beide getrennt.

Das Ergebnis: In den Gängen des von der Deutschen Bahn und der Dänischen Staatsbahn gemeinsam betriebenen Zugs drängeln sich aufgeregte Menschen mit Rucksäcken, Koffern und Kleinkindern im Schlepptau in beide Richtungen aneinander vorbei. Ein Chaos, das sich auf dem Weg nach Norden nur mühsam auflöst.

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148 Millionen Fahrgäste hat die Deutsche Bahn 2018 nach eigenen Angaben im Fernverkehr befördert, vier Prozent mehr als im Vorjahr. Ohne Zweifel eine imposante Zahl. Sie nimmt sich jedoch weit weniger eindrucksvoll aus, wenn man zum Vergleich auf die Passagierstatistik an deutschen Airports schaut: Denn dort wurden im selben Zeitraum 244 Millionen Reisende gezählt, ebenfalls ein Anstieg von vier Prozent.

Für das Klima ist das eine schlechte Nachricht. Denn während ein Zugreisender laut dem Umweltbundesamt im Schnitt für einen Treibhausgasausstoß von 36 Gramm je 100 Kilometer verantwortlich ist, sind es bei einem Fluggast fast sechsmal so viel, nämlich 201 Gramm. Studien zufolge liegt der Anteil des globalen Luftverkehrs an den Treibhausgasemissionen bei knapp fünf Prozent. Und das, obwohl die überwiegende Mehrheit der Erdbevölkerung in ihrem ganzen Leben nie ein Flugzeug von innen sieht.

Kein Wunder also, dass das Fliegen in die Kritik geraten ist. Was in den goldenen Jahren der Luftfahrt als Ausdruck von Weltläufigkeit galt, ist heute der Inbegriff für klimaschädliches Verhalten schlechthin. „Attacke, Attacke, Fliegen ist kacke!“, skandieren die Jugendlichen von „Fridays for Future“ auf ihren Demos.

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Dabei ist der Flieger häufig das einzig praktikable Verkehrsmittel. Schließlich findet nicht jeder, der nach Amerika muss, einen Skipper, der ihn auf einer emissionsfreien Rennjacht über den Atlantik bringt. Oft ist Fliegen zudem die günstigste Alternative, immer wieder werfen Billigairlines Lockangebote zu absurd niedrigen Preisen auf den Markt.

Ebenso unbestreitbar aber lassen sich Inlandsstrecken in der Regel recht problemlos im Zug bewältigen. Zwar kennt fast jeder Geschichten über ausgefallene Klimaanlagen, verpasste Anschlusszüge oder geschlossene Bordbistros. Doch genauso erzählen Vielflieger Anekdoten über ersatzlos gestrichene Flüge, stundenlange Sicherheitskontrollen und Gepäck, das in Mumbai statt in München ankam.

Wer nur einige Hundert Kilometer zurücklegen muss, hat deshalb kaum einen Grund, anstelle des Zugs in den Flieger steigen. Aber gilt das auch auf längeren Strecken? Wenn mehrere Umstiege nötig sind, wenn man auf Dienstreisen besonders pünktlich sein muss oder wenn es ins Ausland geht? Das soll ein Selbstversuch zeigen. Und zwar auf der Reise von Oldenburg nach Stockholm – in die Stadt also, aus der nicht nur Greta Thunberg und „Fridays for Future“ stammen, sondern auch der Begriff „Flygskam“, zu Deutsch „Flugscham“.

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Die Reise auf dem Greta-Pfad beginnt zäh. Die Bahn-App spuckt zwar eine Reihe passender Verbindungen aus, der Ticketkauf endet aber immer mit einer Fehlermeldung, sobald es ans Bezahlen geht. Manche Auslandsverbindungen seien online noch nicht buchbar, entschuldigt sich eine Mitarbeiterin am Fahrkartenschalter im Oldenburger Hauptbahnhof. Sie stellt mir stattdessen ein Papierticket aus.

Und auch das erst nach längerer Suche: Da ich spät dran bin und mitten in den Ferien reise, sind zahlreiche Verbindungen bereits ausgebucht. Zudem wird an der Strecke gebaut, sodass ich einen Umweg nehmen muss. Gewöhnlich führt die Route über Puttgarden und Rødby, wobei der Zug den Fehmarnbelt auf einer Fähre überquert. Dieses Erlebnis bleibt mir vorbehalten, mein Zug wird über Flensburg und Odense umgeleitet.

Heißt: Auf dem Hinweg bin ich laut Plan 15 Stunden und eine Minute unterwegs und muss viermal umsteigen. Auf dem Rückweg sind es zwar nur drei Umstiege, dafür aber 15 Stunden und 58 Minuten. Das Ticket für Hin- und Rückfahrt kostet 246,20 Euro.

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Und mit dem Flieger? Wäre es bei meiner Tour Ende Juli auch nicht einfacher gewesen. Direktflüge gibt es so kurzfristig praktisch nicht mehr, schon gar nicht vom Bremer Airport. Stattdessen bietet mir Expedia eine Verbindung über Paris an, mit einer Reisedauer von zehn Stunden und 40 Minuten zum Preis von 362 Euro. Hinzu kämen noch die An- und Abreise nach Bremen sowie die Wartezeit vor dem Abflug. Das wäre nicht nur teurer als mit dem Zug, es würde auch etwa genauso lang dauern.

Bessere Verbindungen finde ich auch auf anderen Portalen nicht. Ab Hamburg gäbe es immerhin einen Direktflug – allerdings nur zurück. Auf dem Hinweg müsste ich zehn Stunden in Warschau totschlagen.

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Dass die Bahn in meinem Fall die beste Alternative ist, liegt vor allem an der verkehrstechnisch eher ungünstigen Lage von Oldenburg und der kurzfristigen Buchung. Wer etwa von Berlin oder Frankfurt reist und sich früh um Tickets kümmern kann, hat die Wahl zwischen mehreren Direktflügen täglich. Gerade Unternehmen ist es in einem solchen Fall kaum zu verdenken, wenn sie ihre Mitarbeiter aus Gründen der Effizienz per Flieger auf Dienstreisen zu schicken.

So ist es auch kaum verwunderlich, dass eine von „Zeit online“ durchgeführte Umfrage unter den 30 Dax-Konzernen kürzlich zu dem Ergebnis kam, dass die Klimabilanz von Dienstreisen bisher kein großes Thema in den Chefetagen sei. Immerhin: Die Deutsche Telekom hat ihren Mitarbeitern einige Kurzstreckenflüge untersagt, wenn es gute Alternativen per Zug gibt.

Auch im Nordwesten, zeigen stichprobenartige Anfragen, setzen die Firmen bei Inlandsreisen auf die Bahn. Besonders grün ist die Oldenburger Projekt GmbH. Das Unternehmen, ein Pionier der Windkraftbranche, hat seine Mitarbeiter nicht nur mit einer Bahncard 50 ausgestattet, sondern besitzt für längere Fahrten auch vier Teslas samt Ladeinfrastruktur in der Tiefgarage und PV-Anlage auf dem Dach.

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Meine Reise beginnt an einem Mittwoch um 8.35 Uhr in Oldenburg. Leider gibt es weder im Regionalexpress bis Bremen noch im folgenden Intercity nach Hamburg WLAN, sodass ich nur eingeschränkt am Laptop arbeiten kann. Das ändert sich ab Hamburg. Allerdings habe ich dort anfangs wenig davon: Wegen der falsch angezeigten Wagennummern, dauert es eine Dreiviertelstunde, bis ich auf meinen Platz sitze.

Ansonsten kann ich nicht klagen: Alle Züge sind pünktlich, das Personal ist hilfsbereit, und die Aussicht bei der Fahrt über die knapp acht Kilometer lange Öresundbrücke zwischen Kopenhagen und Malmö ist spektakulär. Fünf Minuten vor der planmäßigen Ankunftszeit um 23.36 Uhr erreiche ich Stockholm.

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Ganz so sauber, wie erhofft, ist meine Fahrt bis allerdings nicht: Zwischen Hamburg und Kopenhagen sitze ich in zwei dänischen Zügen mit Dieselloks. Auch die Deutsche Bahn setzt solche Züge noch auf vielen Strecken ein. Sie hat kaum eine andere Wahl: Bislang sind nur gut zwei Drittel des deutschen Schienennetzes elektrifiziert. Als Alternative zum Bau von Oberleitungen könnte sich allerdings der Einsatz von Brennstoffzellenzügen erweisen, die mit klimafreundlichem Wasserstoff angetrieben werden. Eine Probephase mit einem solchen Nahverkehrszug, der zwischen Cuxhaven und Buxtehude verkehrt, verläuft bislang vielversprechend. Der Hersteller Alstom meldet ein großes Interesse potenzieller Kunden aus aller Welt.

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Die Rückreise verläuft zwar pünktlich, ist aber im Vergleich zur Hinfahrt deutlich anstrengender. Ich habe eine Verbindung über Nacht gewählt, in der Hoffnung, in den diesmal umstiegsfreien sieben Stunden zwischen Kopenhagen und Hamburg schlafen zu können. Vermutlich hatte ich bei der Buchung Bilder eines glamourösen Schlafwagenabteils im Orientexpress vor Augen. Mein Sitz im Großraumabteil hat damit nichts gemein. Und wenn ich doch mal wegdämmere, reißen mich die lautstarken Ansagen der Zwischenhalte aus dem Schlaf. Bei der nächsten Buchung bin ich schlauer.

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Während ich gerädert im Regionalexpress auf der letzten Strecke nach Oldenburg sitze, höre ich einem ebenso geschlauchten Pärchen zu. Die beiden kommen von einer Australienreise zurück und haben unterwegs einen Anschlussflug verpasst. Ihren nächsten Urlaub wollen sie lieber in Europa verbringen. „Das ist nicht so stressig“, sagt der Mann. Ein grauhaariger Herr ihnen gegenüber nickt zustimmend. „Das ist auch besser für ihre Klimabilanz.“ Wahrscheinlich ein Mitglied bei „Grandpas for Future“.

VON VOLKER KÜHN

Am Oldenburger Bahnhof wartet Volker Kühn (2) auf den Regionalexpress nach Hamburg. Von dort geht es mit einem dänischen Zug weiter Richtung Norden (1). Das Ziel: Der unterirdische Bahnhof Stockholm-
Södra (3). Freitagsdemo vor dem schwedischen Reichstag (4): Greta Thunberg ist an diesem Morgen nicht dabei.

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