58 Millionen Schweine werden jährlich in Deutschland geschlachtet. Die Kritik an der Fleischproduktion wächst."> Navigation überspringen
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Ernährung Auf der Suche nach Anerkennung

Karsten Krogmann

Düngstrup/Vechta/ rheda - Das Letzte, was sie im Leben hören, ist: Musik.

Aus den Schlachthoflautsprechern rieselt Phil Collins, sein Nummer-1-Hit „Another Day in Paradise“ von 1989, hier allerdings in der wenig bekannten Panflöten-Fassung. Schweine mögen Musik, haben Wissenschaftler herausgefunden; besonders ansprechend finden sie angeblich Panflötenklänge.

Die Wissenschaft weiß allerhand über Schweine. Zum Beispiel, dass Schweine bis zu 90 Prozent ihrer Zeit liegend verbringen (deshalb wärmt im Schlachthof eine Heizung den Fußboden). Dass Schweine den Rest der Zeit am liebsten auf Futtersuche gehen (deshalb liegt im Schlachthof überall Körnermais aus). Dass Schweine mangels Schweißdrüsen Hitze nicht mögen (deshalb gibt es im Schlachthof eine Wassersprühanlage).

Man weiß sogar, dass Schweine immer bergauf laufen, und deshalb hat der Schlachthof hier schräge Böden, die Schweine laufen höher und höher. Bis in den Kohlendioxid-Aufzug.

Der Kohlendioxid-Aufzug fährt die Schweine sieben Meter in die Tiefe. Wenn er wieder hochfährt, schlafen die Schweine. Sie spüren nicht, wie sie aus dem Aufzug rutschen. Wie der Haken nach ihrem Hinterlauf greift und sie hochzerrt. Wie ihnen das Messer in den Leib fährt und die Blutgefäße aufschlitzt.


25 000 tote Schweine

Ein anderer Aufzug, er stoppt im dritten Stock des Tönnies-Verwaltungsgebäudes in Rheda-Wiedenbrück. Hier hat die Tönnies-Forschung ihren Sitz, gegründet 2010, gefördert mit einem Jahresbeitrag im mittleren sechsstelligen Euro-Bereich, Zweck: „einen Beitrag zu leisten, die Bedingungen der Nutztierhaltung stetig zu verbessern“.

Tönnies ist Deutschlands größter Fleischproduzent: 10 000 Mitarbeiter, 5,6 Milliarden Euro Jahresumsatz, Standorte u.a. in Sögel und Wilhelmshaven, 17,4 Millionen tote Schweine pro Jahr. 25 000 Schweine laufen täglich allein in den Kohlendioxid-Aufzug in Rheda.

Manche Menschen sagen: Tönnies und Tierschutz, das sei wie der Bock als Gärtner.

Dr. André Vielstädte (29), Geschäftsführer der Tönnies-Forschung, sagt es so: „Wir stellen uns unserer Verantwortung.“

Weit mehr als 90 Prozent der Deutschen essen Fleisch; im Schnitt verzehrt jeder Deutsche 60 Kilogramm pro Jahr. Für die meisten Deutschen spielt der Preis des Schnitzels beim Einkauf eine wichtigere Rolle als seine Herkunft; Bio-Fleisch hat nach Angaben der Organisation „Foodwatch“ einen Anteil von gerade einmal zwei Prozent.

Zwar bleiben sich die Deutschen in Sachen Fleischverbrauch und Fleischeinkauf seit Jahren treu, verändert hat sich aber ihr Verhältnis zur Fleischherstellung. Tieren soll es wohlergehen; wer „Tierschutz“ bei Google eintippt, erhält 4 130 000 Treffer.

In Rheda-Wiedenbrück sagt Dr. André Vielstädte: „Wir spüren die gesellschaftliche Verpflichtung. Man schaut auf uns.“ Und Dr. Wilhelm Jaeger (50), der bei Tönnies die Abteilung Landwirtschaft leitet, räumt ein: „Es gibt ja auch Baustellen, entlang der gesamten Kette.“

Die meist diskutierte „Baustelle“ ist derzeit die Amputation: Ringelschwänze bei Schweinen, Hörner bei Kälbern, Schnäbel bei Puten.

Das Zentrum der deutschen Ernährungsbranche ist der Raum Weser-Ems, 16,2 Milliarden Euro erwirtschaften die Betriebe hier pro Jahr. Mittendrin, an der Universität Vechta, sitzt das Niedersächsische Kompetenzzentrum Ernährungswirtschaft (NieKE). In ihrem Büro sagt Prof. Dr. Christine Tamásy (47), die wissenschaftliche Leiterin: „Es gibt da Dinge, die sind so, wie sie nicht sein sollten – auch wenn sie legal sind.“ Sie sieht es so: „Wir haben ein System, das eine hohe Qualitätsgüte erreicht hat, nun aber gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert wird. Deshalb muss eine Veränderung stattfinden, eine Transformation.“

Und wer soll sich da verändern? „Alle!“, sagt Tamásy. Wirtschaft, Politik, Verbraucher. „Es muss einen Aushandelprozess geben: Was ist der minimale Standard, den wir in Deutschland wollen?“ Wir brauchen Netzwerke, sagt sie, Kräftebündelung, Wissenschaft, „der Bereich ist zu wenig durch Forschung und Entwicklung getrieben“.

Im Schlachthof ergeht es Schweinen zwangsläufig nicht wohl. Aber leiden soll hier kein Schwein, erklärt Dr. Jaeger: Nach dem Messerstich prüfen Mitarbeiter per Lidreflex-Kontrolle, dass kein Tier lebend ins Brühbad geht. „Gesetzlich müssen wir das nicht.“

Baustellenfrei ist der Schlachthof dennoch nicht. Da ist zum Beispiel die Betäubung. Zwar hält man bei Tönnies den Kohlendioxid-Aufzug für die derzeit beste Lösung, gut ist sie aber nicht: Wenn das Gas in die Atemwege gelangt, verursacht für Sekunden Erstickungsnot. „Darum arbeiten wir an Alternativen“, sagt Vielstädte, „gemeinsam mit Wissenschaftlern.“

Die Tönnies-Forschung forscht nicht selbst, sie fördert Forschung; aktuell läuft zum Beispiel ein Forschungsprojekt mit dem Friedrich-Löffler-Institut zum „Raumangebot für Schweine bei Transporten unterschiedlicher Dauer“. Die Tönnies-Forschung veranstaltet Workshops, unlängst zum Thema „Schwanzbeißen bei Schweinen“.

Und: Tönnies war maßgeblich an der Entwicklung der „Initiative Tierwohl“ beteiligt.

Die „Initiative Tierwohl“ fußt auf einer einfachen Idee: Wer mehr Tierschutz in den Ställen will, muss den Bauern Geld geben, damit sie den Tierschutz bezahlen können. Dazu zahlt der Lebensmitteleinzelhandel Geld in einen Tierwohlfonds ein, 4 Cent pro verkauftes Kilo Fleisch.

Ein Beispiel: Schweine beschäftigen sich gern mit Futtersuche – im modernen Funktionsstall ist Futter aber immer vorhanden. Also beschäftigen sich Schweine damit, anderen Schweinen am Ringelschwanz herumzunagen. Nekrosen entstehen, denen man wiederum durch Schwanzamputation vorbeugt. Im Kriterienkatalog der „Initiative Tierwohl“ findet sich nun der Punkt „Zusätzliches organisches Beschäftigungsmaterial“.

Zu wenig Geld im Topf

Die Bauern waren begeistert. Mehr als 4700 Betriebe wollten bei der „Initiative Tierwohl“ mitmachen. Das Geld reichte aber nur für 2100, das Los musste entscheiden.

„Achtung, wertvoller Tierbestand!“ steht an der Stalltür in Düngstrup, Wildeshausen. Dahinter schlüpft Niklas Behrens (27) in seinen Overall.

Der Hof Behrens: 1556 erstmals erwähnt, Ackerbau, Hähnchenmast, 960 Schweine, Familienbetrieb. Sohn Niklas hat in Osnabrück Landwirtschaft studiert, „das Thema Tierwohl begleitet meine Generation permanent“, sagt er. Die „Initiative Tierwohl“ begriff er als Chance. Weil er ahnte, dass der Fonds nicht lange reichen würde, ging er in Vorleistung. Er baute eine Luftkühlungsanlage in den Stall ein, zusätzliche Fenster, organisches Beschäftigungsmaterial: Rohre mit Holzleisten, die Schweine knabbern begeistert daran. 10 000 Euro gab Niklas Behrens aus.

Dann bekam er Post: Ihr Betrieb wurde leider nicht ausgewählt.

Natürlich gefällt der Stall jetzt allen besser, sagt er, Schwein wie Bauer. Enttäuscht ist er trotzdem. Der Schweinepreis liegt derzeit bei 1,40 Euro pro Kilo Schlachtgewicht. Gerade erst schlug der Bauernverband Alarm: Das sei nicht kostendeckend und „beschämend niedrig“.

Darf man das überhaupt?

65 Millionen Euro fehlen der „Initiative Tierwohl“ aktuell. Bei Tönnies sieht Wilhelm Jaeger zwei Möglichkeiten: Entweder zahlen die Teilnehmer mehr Geld in den Fonds ein. Oder: Es zahlen mehr Teilnehmer Geld ein. Großverbraucher wie McDonald’s, Burger King, Ikea. Und Einzelhändler, die bislang nicht mitmachen, wie die Bünting-Gruppe aus Leer mit den Ketten Famila und Combi. „Gespräche laufen“, sagt Jaeger.

Bünting verweist auf Nachfrage der NWZ  auf die „Zusammenarbeit mit regionalen Partnern“ und auf „eigene Standards“, die bereits „weitreichend die Kriterien“ der „Initiative Tierwohl“ erfüllen.

Andererseits: Lässt sich die von Prof. Tamásy geforderte Veränderung überhaupt per Freiwilligkeit umsetzen? Mit Branchenlösungen?

Tierschutzverbände haben die „Initiative Tierwohl“ umgehend als „ungenügend“ kritisiert. Christine Tamásy nennt sie einen „Schritt in die richtige Richtung“, sie glaubt aber: „Ohne den Gesetzgeber wird es nicht gehen, auch wenn die Branche das nicht gern hört.“

Unbeantwortet bleiben wird auf jeden Fall die ethische Frage, die vor allem in den Sozialen Netzwerken im Internet diskutiert wird: Darf man Tiere millionenfach produzieren, um sie zu Nahrung zu verarbeiten? Darf man das überhaupt: Tiere töten?

Bei Tönnies sagt Wilhelm Jaeger: „Wir haben die Frage für uns beantwortet. Sonst würden wir nicht tun, was wir tun.“ Er hat keinen Zweifel: Für die meisten Menschen wird Fleisch Grundnahrungsmittel bleiben. Und Genussmittel. Auch Christine Tamásy glaubt: „Die große Mehrheit der Deutschen will keine harte Agrarwende.“

Es ist Abend im Schlachthof. Draußen dockt der nächste Tiertransporter an. Insgesamt werden in Deutschland in diesem Jahr wieder rund 58 Millionen Schweine geschlachtet werden. 3 Millionen Rinder. Und 630 Millionen Hühner.

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