Neuvrees - „Kommst Du? Das Essen ist gleich fertig“, rief Frau H. aus der Küche ihrem Mann zu. Als keine Antwort kam, ging sie ins Wohnzimmer. „Dort saß er, das Blutzuckermessgerät in der Hand und sagte: ,ich kann die Nadel nicht finden’. Dabei lag sie direkt vor ihm“, erinnert sich die 72-Jährige. Jenen Novemberabend vor zwei Jahren wird die gebürtige Böselerin nie vergessen – er veränderte alles.

„Mein Mann ist Diabetiker. Ich wusste gleich was los ist: ein Schlaganfall. Innerhalb von fünf Minuten hatte ich die Taschen gepackt und bin mit ihm in die Klinik gefahren“, fährt sie fort. Die Vermutung der Neuvreeserin bewahrheitete sich. Was sie nicht ahnte, waren die Folgen: der Schlaganfall löste bei dem 74-Jährigen eine Vaskuläre Demenz aus. „Seitdem ist sein Kurzzeitgedächtnis weg“, berichtet Frau H. Es war der Beginn des Suchens. Immer ist etwas weg. Das Portemonnaie, die Schuhe, ein Name oder der letzte Satz. Alles, was in unmittelbarer Vergangenheit passiert ist, vergisst er.

Manchmal sei das schwer, vor allem, wenn er wütend werde – auf sie, sein Schicksal, oder auf sich selbst. Ihr Leben habe sich sehr verändert. Alle paar Tage bekommt sie Unterstützung vom entlastenden Dienst der Gemeindecaritas. Dann hat sie ein paar Stunden, in denen sie das Haus verlassen und einkaufen gehen kann. Alleine mag Frau H. ihren Mann nicht lassen. „Glühende Herdplatten sind noch die geringsten Katastrophen“, erzählt sie und lacht ein bisschen zu laut.

Neben ihr sitzt Herr H. und hört zu. „Manchmal bin ich alles so leid“, erzählt er. Am Meisten vermisse er das Radfahren – die gemeinsamen Ausflüge. Sein größter Wunsch – „dass das Gedächtnis zurück kommt“ – wird unerfüllt bleiben. „Die Krankheit verläuft in vier Phasen. Nach und nach verschwinden immer mehr Erinnerungen und die Patienten können immer weniger. Bis sie zum vollständigen Pflegefall werden“, erklärt Reinhilde Bauken-Wittstruck, die als Demenzbetreuerin den entlastenden Dienst koordiniert. „Herr H. befindet sich noch im Anfangsstadium“, erklärt sie.

Das Ehepaar kennt die Diagnose. Aber daran wollen sie jetzt nicht denken. „Heute ist heute“, sagt Frau H. Irgendwie sei sie bisher auch zurecht gekommen mit allem. Gemeinsam hätten sie auch andere schwere Zeiten überstanden. Nie wird sie müde, ihrem Mann dasselbe zu erzählen: „Am Abend fragt er mich, was wir am nächsten Tag machen – und morgens wacht er auf und will wissen, ob wir etwas vorhaben. Manchmal ist drei mal die Woche Sonntag“. Sie bleibe geduldig, freue sich über jene Erinnerungen, die sie teilen können.

Über die Frage, welche bleibenden Bilder die schönsten sind, muss Herr H. nicht lange nachdenken: „Unsere Silberne Hochzeit.“ In Momenten wie diesen ist er hellwach – bevor er wieder angestrengt kramt, nach dem, was gerade eben noch Thema war. Manchmal versuche er es mit aufschreiben – „aber dann ist der Zettel weg“. Er lächelt traurig. Gibt es hilfreichere Strategien? Er nickt: „Ich sage mir jeden Tag: auf ein Neues.“