Friedeburg - Amerika und Rußland liegen nur einen Fußmarsch von etwa 20 Minuten voneinander entfernt. Wer eine kleine Weltreise machen will, startet am besten mitten in Ostfriesland: in Friedeburg im Landkreis Wittmund.
Am Rußlandweg 43 wartet bereits Renke Siefken. Der Ostfriese fällt in der winterlichen Landschaft Rußlands mit seiner leuchtend gelben Öljacke und der Schirmmütze sofort auf. Er ist seit 1996 Gästeführer und führt regelmäßig Schaulustige von Rußland nach Amerika. „Ganz Ostfriesland kennt ihn und er kennt ganz Ostfriesland“, sagt Hillrich Reents zur Einführung.
Der Plattdeutschbeauftragte des Landkreises und der Gästeführer warten am grünen rechteckigen Ortsschild. In gelben Lettern steht dort „Rußland“ geschrieben – mit „ß“. „Da kann auch die deutsche Rechtschreibreform nicht dran rütteln“, sagt Siefken und schmunzelt.
Sibirische Kälte
Vom einzigen Schild, das auf den kleinen Friedeburger Ortsteil Rußland hinweist, geht es los Richtung Amerika. Kleine Einfamilienhäuschen mit rotem Klinker bestimmen den Ort am Rande eines kleinen Gewerbegebiets. Über die schmalen Straßen und Wege pfeift eisiger Wind. Es nieselt. Gedanken an Sibirische Kälte kommen auf. „Eine Erklärung für den Ortsnamen ist, dass es damals für die Menschen hier so aussah, wie sie sich Russland vorgestellt haben“, sagt Siefken. Um 1840 bis ins Jahr 1860 haben sich Menschen hier niedergelassen – die Umgebung war unwirtschaftlich, Ödland.
„Die Kolonisten mussten das Land innerhalb einer Frist urbar machen“, sagt Reents. Inzwischen ist in dem 300-Seelen-Ort von dem Ödland nicht mehr viel zu erkennen. Am Rande des Rußlandwegs hat sich ein Spirituosenhersteller etabliert, dessen Wodka sogar im weit entfernten Russland geschätzt wird, wie es heißt.
Auf dem Weg nach Amerika lassen lediglich die abgemähten Felder ein wenig russisches Flair aufkommen. Dazu kommt die eisige Kälte. „Eine zweite Erklärung für den Ortsnamen ist, dass hier ein Eremit gewohnt hat, der so aussah, wie sich die Leute einen Russen vorgestellt haben“, sagt Siefken. Struppig soll er ausgesehen haben. „So wie ich“, sagt der 69-jährige Gästeführer und lacht, so dass die Bartstoppeln im Gesicht des großen Ostfriesen besonders deutlich hervortreten.
Eine weitere Vermutung, wieso es in Ostfriesland ein Rußland gibt: „Die Kohlenmeiler, die hier aus den Buchen, Holzkohle hergestellt haben, haben stark gerußt“, sagt Siefken. Diese Variante würde zumindest das „ß“ im Ortsnamen erklären. Diese Art der Namensfindung in dem kleinen Ortsteil von Friedeburg ist nicht untypisch. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden Orte oft nach Ereignissen oder Ideen der ersten Ansässigen benannt. Gerade auch bei den Kolonien in den im Nordwesten häufigen Moorgebieten wurden oft Namen gesucht, die bisher noch nicht so oft vorgekommen waren, erklärt Albrecht Eckhardt, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Landes- und Regionalgeschichte von der Oldenburgischen Landschaft. „Oft kann man die Namen erklären, doch nicht mehr, wie die Menschen auf die Idee gekommen sind“, sagt Eckhardt. Daher gäbe es auch wie bei Rußland oft mehrere Erläuterungen.
Ohne Geld für Überfahrt
Und wie ist es mit Amerika? Der 100-Seelen-Ort wurde um 1765 bis 1824 besiedelt, erzählt Hillrich Reents. Viele der Siedler wollten eigentlich nach Amerika auswandern – doch das Geld für die Überfahrt fehlte. So bauten sie sich ihr eigenes Amerika.
Im Jahr 2013 – Hunderte Jahre später – zählt Amerika zur Ortschaft Hesel in der Gemeinde Friedeburg.
Es gibt sogar einen Platz, der an den Wilden Westen und die Träume der Aussiedler erinnert. In der kalten Geestlandschaft mit Feldern und weniger dicht stehenden Klinkerbauten als in Rußland, haben die (Ur-)Einwohner Amerikas den „Amerikaplatz“ geschaffen. Unter dem rot und blau bemalten Totempfahl mit Fratzen wirkt sogar der große Gästeführer Siefken klein. Geschaffen wurde der Pfahl von Stephan Schmidt – er lebt seit 15 Jahren in Amerika und wollte seinen Beitrag zum Ort leisten.
„Hier sieht man die Einschusslöcher wie im Wilden Westen“, sagt Siefken und deutet auf das metallene Schild neben dem Pfahl, das mit kleinen Dellen übersät ist. Davon abgesehen wirkt der Platz gepflegt, mit grüner Wiese und kleiner Holzhütte, die als Treffpunkt der Amerika-Einwohner regelmäßig genutzt werden.
Den Platz zu ihrer Bühne machten die Gastmanns vor zwei Jahren. „Wir hatten die Idee, selbst etwas Kulturelles zu machen“, sagt der 72-jährige Dirk Gastmann. Im Haus der Gastmanns begrüßen einen Klänge eines Akkordeons, im Kamin knistert ein Feuer vor sich hin. Anne-Marie Gastmann serviert in kleinen Tassen mit ostfriesischem blauem Kornblumenmuster schwarzen Tee – ostfriesische Gemütlichkeit mitten in Amerika.
Geschichten von Verwandten, die in die USA ausgewandert sind, können beide erzählen. Und da der Ort eben von den Aussiedlern und denen, die es sein wollten, geprägt ist, hatte Dirk Gastmann eine Idee: „Man müsste nachspielen, wie das mit den Auswanderern gewesen ist.“ So schrieb er das Stück „Der Ruf der neuen Welt, Amerika“, das auf dem Amerikaplatz aufgeführt wurde.
Dem Ruf der anderen Welt sind die Gastmanns nicht gefolgt. Anne-Marie Gastmann kam schon als kleines Mädchen von Bensersiel nach Amerika – Dirk Gastmann machte mit der Heirat Amerika zu seinem Domizil. Nach Rußland gehen war nie eine ernsthafte Option.
Wo das Paradies liegt
Oder in ein anderes Amerika – denn die beiden kleinen Orte in der Gemeinde Friedeburg stehen nicht allein mit ihrem Namen: Im gesamten Oldenburger Land finden sich ebenso bekannte wie kuriose Namen. In der Nähe von Garrel im Landkreis Cloppenburg trägt ein kleiner Ort ebenfalls den großen Namen Amerika. In Dötlingen im Landkreis Oldenburg kann man Egypten einen Besuch abstatten, und wer es außergewöhnlich mag, fährt nach Paradies in der Gemeinde Elsfleth (Kreis Wesermarsch) oder in den Urwald bei Ahlhorn (Kreis Oldenburg).
Nach knapp 20 Minuten ist die kurze Reise von Rußland nach Amerika vorbei. Wer die Orte etwas länger erkunden will, kann dies zum Beispiel mit Renke Siefken. Rundwege von sieben und von acht Kilometern stehen zur Wahl. Am Ende erhält der Weltreisende eine kleine Urkunde. Denn: Rußland und Amerika, nur einen Fußmarsch entfernt – das gibt es nur in Ostfriesland.
