BAD ZWISCHENAHN - Die Kartons stapeln sich schon wieder meterhoch in der alten Fabrikhalle. Stundenland hat Gerhard Langner gemeinsam mit seiner Frau Hildburg vergangenes Wochenende sortiert, gefaltet und gepackt. Kinderkleidung, Pullover, Hosen und Mäntel für Klein und Groß. Vor der Halle, die dem 70-Jährigen das Jahr über als Lager dient, stehen Wippe, Rutsche, Karussell und Federtiere. Spielgeräte, die die Gemeinde Bad Zwischenahn aussortiert hat, die – von Langner und seinen Mitstreitern aufbereitet – ab Herbst weißrussische Kinder glücklich machen sollen.Dutzende Farbdosen, Spende eines Malers, stehen schon neben den Kartons.
Hilfe an vielen Ecken
„Es herrschen unglaubliche Lebensumstände. Für die Bevölkerung zeichnet sich keine glückliche Lebensperspektive ab.“ Langner hat es oft erlebt. Und doch sind die Eindrücke, die der 70-Jährige aus der Bad Zwischenahner Bauerschaft Kayhausen bei seinen Reisen nach Weißrussland sammelt, immer wieder bedrückend. So wie bei seinem jüngsten Besuch, bei dem er im Juni auf Einladung offizieller Stellen Bad Zwischenahns Bürgermeister Arno Schilling („Gerhard Langner ist dort als Person hoch anerkannt und als Spender begehrt, er hilft an vielen Ecken und versucht, alle Wünsche zu erfüllen“) mit in seine fast 2000 Kilometer entfernte „zweite Heimat“ genommen hat.
Zu so etwas ist das weißrussische Mogilew über die Jahre für den Tischlermeister geworden. Denn Langner hat sich vorgenommen, die trüben Aussichten der Menschen zumindest ein bisschen aufzuhellen. Und das ganz praktisch, Jahr für Jahr.
„Es fehlt am Nötigsten“
Seit Mitte der 1990er Jahre engagiert er sich für die Menschen in der Lukaschenko-Diktatur. Waren es zunächst Kinder, die nach der Reaktorkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl im Ammerland zu Kräften kommen sollten und in dem Vater dreier eigener Kinder einen Gastgeber fanden, hilft er seit 2003 vor Ort. Mit eigenen Transporten, ohne Hilfsorganisationen im Hintergrund, dafür aber tatkräftig unterstützt von „meiner Altherrentruppe, meinen acht guten Kameraden“.
Um die Lebensumstände in Weißrussland zu schildern, erzählt er gerne diese Beobachtung: „Zu einer Operation müssen Patienten Bettlaken für den OP-Tisch, Skalpell, Nadel und Faden sowie Verbandsmaterial selber mitbringen. Schränke gibt es in den Acht-Bett-Zimmern nicht, Persönliches kommt in einer Plastiktüte unters Bett.“ Zwar seien die Ärzte in der nur auf dem Papier existierenden Republik gut ausgebildet und hoch motiviert. Aber es fehle ihnen einfach am Nötigsten. Ohne Korruption laufe nichts.
Alljährlich beliefert Langner in Mogilew mehrere Organisationen mit Hilfsgütern aus Bad Zwischenahn und Umgebung – immer mit im 40-Tonner, der von Langner und seinen acht Helfern gepackt wird: Kleidung und Dinge des alltäglichen Lebens. Aber es werde so viel mehr gebraucht: Der Zustand der Gebäude, der sanitären Anlagen, der Küchen – Langner kann es auch nach so vielen Jahren nicht fassen: „Da ist so viel marode. Und die Menschen dort machen das Beste daraus, sorgen dafür, dass alles sauber ist.“ Jahr für Jahr sorgt er dafür, dass die Spenden die Stadt erreichen, fährt hinter dem Hilfstransport her, diskutiert mit Zöllnern, verteilt die Dinge an diejenigen, für die sie gedacht sind, sorgt dafür, dass sie nicht im korrupten Staatsapparat versickern.
Und wenn er dem mal wieder ein Schnippchen geschlagen hat, wenn er in die dankbaren Augen der Menschen blickt, deren Gastfreundschaft erleben darf, dann weiß er, dass sich das Betteln, Sammeln und Stapeln in der Heimat einmal mehr gelohnt hat.
