BAD ZWISCHENAHN - Das Wort Schmarotzer hat gemeinhin einen negativen Beigeschmack. „Halbschmarotzer“ klingt nicht wesentlich besser – und wird ebenso wenig der Bedeutung einer Pflanze gerecht, die wie kaum eine andere der heimischen Flora von so vielen Legenden und Mythen umrankt und gleichzeitig so interessant ist wie die Mistelpflanze (Viscum album).

Ein Mann, der sich seit Jahrzehnten mit der rätselhaften Mistel beschäftigt, ist der Rostruper Josef Kahle (72). Er war einst Leiter des Botanischen Gartens in Erlangen. Durch gute Verbindungen zu anderen Botanischen Gärten kamen verschiedenste Pflanzensamen nach Erlangen. Damals war es ihm nicht gelungen Mistelsamen zum Wachsen zu bringen. Erst als er sich nach seiner Pensionierung in Rostrup auf seinem „märchengartenhaften“ Anwesen weiter mit der Mistel beschäftigte, klappte es.

Das war vor 20 Jahren. Kahle sicherte sich damals einen alten Apfelbaum, der auf dem benachbarten Klapproth’schen Grundstück stand und gefällt werden sollte. Er impfte ihn mit Mistelsamen – und heute ist dieser Apfelbaum als Geschenk des Vereins zur Förderung der Gartenkultur – den Kahle mitgegründet hat, ihm viele Jahre vorstand und den er heute noch aktiv mitgestaltet – in der Nähe des bäuerlichen Nutzgartens im Park der Gärten in Rostrup. In der Krone des Apfelbaumes prangt jetzt ein mächtiger Mistelbusch von knapp einem Meter Durchmesser. Hier schließt sich der Kreis zum „Halbschmarotzer“: Die Mistel wächst nicht auf der Erde, sondern ausschließlich auf „Wirtsbäumen“. Mistelbüsche findet man auf Kiefern oder Fichten, auf Apfelbäumen, Pappeln, Linden oder Eichen. Und hier zeigt sich eine weitere Besonderheit, die Josef Kahle in seiner langen Beschäftigung mit dieser wundersamen Pflanze herausgefunden hat: „Es ist unmöglich, den Samen einer Mistel, die auf einem Nadelbaum gewachsen

ist, auf einem Laubbaum zum Keimen zu bringen und umgekehrt“, so Kahle. Wobei sich die Samen und auch die Pflanzen in keiner Weise unterscheiden.

Misteln zu „pflanzen“ ist ein langwieriger Prozess. Der auf die Rinde eines jungen Astes geklebte Samen bildet zunächst so genannte „Senker“, die das Holz der Wirtspflanze durchbrechen und in deren Leitbahnen eindringen. Erst dann, im zweiten oder gar dritten Vegetationsjahr, erscheint das erste Blätterpaar auf dem Ast der Wirtspflanze. Und erst nach frühestens fünf bis sieben Jahren zeigt sich die erste Blüte. Die Verbreitung erfolgt ausschließlich durch Vogelfraß, eine weitere Besonderheit dieser Pflanze.

Josef Kahle ist von dieser ungewöhnlichen Pflanze derart fasziniert, dass er unablässig weitere Versuche unternimmt, um dem Geheimnis der Mistel auf die Spur zu kommen.